Das hat uns gerade noch gefehlt im coronaverschärften Vorweihnachtsstress: In Großbritannien ist eine Virusvariante von Sars-CoV-2 aufgetreten, die womöglich größeren Schaden anrichten könnte. Die neue Viruslinie mit der Bezeichnung B.1.1.7 grassiert derzeit in Südostengland.

Premierminister Boris Johnson hatte am Samstag verkündet, diese lokale Virusvariante sei um 70 Prozent ansteckender als die zuvor zirkulierenden Varianten. Er begründete einen harten Shutdown samt Ausgangssperren mit der gestiegenen Zahl der Infizierten, die sich mit dieser Virusvariante angesteckt haben. Der britische Gesundheitsminister sagte am Sonntag, die Lage sei außer Kontrolle.

Der Shutdown in der Hauptstadt London und weiten Teilen Südostenglands gilt seit Sonntag – auch über die Weihnachtstage. Die Niederlande schlossen über Nacht die Grenzen für Flugreisende aus und nach Großbritannien; Belgien, Italien und Österreich zogen nach. Inzwischen hat Deutschland angekündigt nachzuziehen. Ein vernünftiger Schritt – denn gerade am Anfang spielen Reisen eine große Rolle bei der Frage, wie schnell eine neue Virusvariante in eine Bevölkerung eingeschleppt wird.

Wie problematisch ist die neue Virusvariante?

Die ganze Situation klingt beunruhigend angesichts der ohnehin bereits hohen Infektionszahlen hierzulande. Und sie wirkt wie ein Dämpfer für die hoffnungsvolle Aussicht auf die beginnenden Impfungen. Doch stimmt es, was Johnson über die Ansteckungsfähigkeit der Variante sagt? Was weiß man bislang sicher über diese Virus-Veränderung? Wie problematisch ist sie? Und könnte sie sich tatsächlich auf den Erfolg der Impfungen auswirken?

In Deutschland ist die Viruslinie B.1.1.7 noch nicht nachgewiesen, schrieb der Virologe Christian Drosten am Sonntagmorgen auf Twitter. Drostens Labor an der Charité verfügt über die größte Genom-Datenbank für Sars-CoV-2 und sammelt sorgfältig Proben aus ganz Deutschland. Dort ist B.1.1.7 noch nicht aufgetaucht, und das unter immerhin 764 Viruskladen. So nennen Genetiker die Obergruppen der verschiedenen Virusvarianten.

"Doch das muss nicht heißen, dass diese Variante nicht längst in Deutschland unterwegs ist, wenn man bedenkt, wie viele Flüge täglich zwischen London und Deutschland hin und her gehen", sagt Richard Neher, Professor und Mutationsexperte am Biozentrum der Universität Basel. Die Viruslinie B.1.1.7 ist in England schon seit ein paar Monaten aktiv: Sie wurde am 20. September bei einer engmaschigen Routine-Überwachung des Virus entdeckt und hat sich in den vergangenen Wochen in Teilen Englands sehr stark ausgebreitet. 

Ein fitteres Virus mit guten Gelegenheiten zur Ansteckung

Die hohe Verbreitung könnte Zufall sein. Es wäre möglich, dass die Variante nur deshalb in Südengland so stark grassiert, weil das Virus dort besonders gute Bedingungen vorfand. Doch: "Die Zahlen sind dort so hoch und Sars-CoV-2 ist insgesamt so stark verbreitet, dass es dafür schon eine unglückliche Verkettung von diversen Superspreader-Ereignissen gegeben haben müsste", sagt Neher.

Noch ist nicht belegt, dass die neue Virusvariante dramatisch ansteckender ist und auch nicht, dass sie um 70 Prozent ansteckender sei, wie Johnson behauptete. Sicher ist: Es hat geschätzt einen Anstieg an Fällen in dieser Größenordnung gegeben – das sind freilich zwei paar Schuhe.

Es spricht jedoch einiges dafür, dass die B.1.1.7-Variante einen sogenannten Selektionsvorteil hat. Es sieht danach aus, dass diese Virus-Linie sich auf Dauer leichter breit machen kann als ihre Vorgänger. Ursache für die Anstieg in England könnte am Ende auch der recht verbreitete Mix aus Faktoren sein: Fitteres Virus plus gute Gelegenheiten durch viel menschlichen Kontakt.