Kurz vor den Corona-Beratungen zwischen Bund und Ländern schlagen namhafte Forscherinnen und Wissenschaftler der deutschen Politik einen nachhaltigen Weg aus der Pandemie vor. Ziel ihrer Strategie, die sie No Covid nennen, ist es, Neuinfektionen, Todesfälle und sich in die Länge ziehende Lockdowns künftig zu verhindern. Eine Inzidenz von null zu erreichen, könne gelingen, indem man die Neuinfektionen nun rasch senke, die dann niedrigen Fallzahlen konsequent verteidige und die Bevölkerung stärker in die Strategie miteinbeziehe, schreiben die Autorinnen und Autoren in einem Positionspapier, das ZEIT ONLINE exklusiv vorab vorlag.
Zu den Verfassern gehören neben der Virologin Melanie Brinkmann und dem Physiker Michael Meyer-Hermann vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung auch führende Expertinnen und Experten aus der Wirtschaftswissenschaft, Soziologie und Politikwissenschaft. Während einer Videokonferenz am späten Montagnachmittag haben Brinkmann und Meyer-Hermann das Papier dem Kanzleramt und den Ministerpräsidenten vorgestellt. Die Gruppe aus 13 Personen bietet sich als Expertengremium an, um gemeinsam mit der Politik die Corona-Krise zu beenden.
Am Dienstag beraten die Chefinnen und Chefs der Bundesländer mit Kanzlerin Angela Merkel darüber, ob die Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung weiter verschärft werden. Im Gespräch sind etwa eine nächtliche Ausgangssperre sowie eine Pflicht zum Tragen von FFP2-Masken im öffentlichen Nahverkehr. Es gilt als sicher, dass der aktuell geltende Lockdown über Ende Januar hinaus verlängert wird.
Die Autorinnen und Autoren des Strategiepapiers machen keine konkreten Vorschläge für kurzfristige neue Maßnahmen im aktuellen Lockdown. Ihr Langfristplan greift vor allem dann, sobald es gelingt, die derzeitige Zahl der Neuinfektionen von derzeit knapp 150 auf einen Wert von zehn pro 100.000 Einwohner und Woche zu drücken. Es brauche aber jetzt schon eine Perspektive für alle Bürgerinnen und Bürger und einen Stufenplan aus der Krise, argumentieren die No-Covid-Autorinnen.
Mit einer solchen Strategie werde "die Dauer des Lockdowns nicht auf ein bestimmtes Datum terminiert, was willkürlich erscheint und frustrierende Verlängerungen nach sich zieht, sondern sie endet mit dem Erreichen der Ziele", heißt es im Positionspapier. Somit könnten auch Familien, Schulen und Wirtschaftsbetriebe sicherer für die Zukunft planen.
Aktuell sei im Lockdown schnelles und entschlossenes Handeln nötig, da sich wohl auch die allem Anschein nach deutlich ansteckendere Virusvariante B.1.1.7 zunehmend in Deutschland ausbreiten werde. Dies könne die Pandemiebekämpfung zusätzlich erschweren, weshalb die Fallzahlen umgehend drastisch abgesenkt werden müssten. Außerdem sei nicht damit zu rechnen, dass in den kommenden Monaten schon genügend Menschen geimpft seien oder neue Therapien gegen Covid-19 zur Verfügung stünden. Das Virus werde weiterhin großen gesellschaftlichen Schaden anrichten. Die Verfasser plädieren dafür, statt auf Schadensminimierung auf eine Kontrolle der Pandemie zu setzen, die dann Freiheit und Stabilität ermögliche.
Neben Brinkmann und Meyer-Hermann gehört unter anderem auch der Wirtschaftswissenschaftler und Präsident des Ifo-Instituts Clemens Fuest zu den Autoren der Strategie; ebenso der Soziologe Heinz Bude von der Universität Kassel, der Mediziner Michael Hallek von der Uni Köln, die Global-Health-Forscherin Ilona Kickbusch und der Politikwissenschaftler Maximilian Mayer von der Universität Bonn.
Grüne Zonen, in denen Normalität wieder möglich wird
Der Vorschlag der Forscherinnen und Forscher besteht aus drei Kernelementen: Nachdem die Infektionszahlen auf null gesenkt seien, müsse vermieden werden, dass Sars-CoV-2 erneut in dann virusfreie Gebiete eingetragen wird. Das soll durch ein System grüner Zonen erreicht werden sowie durch konsequente Mobilitätskontrollen, Tests und Quarantäneregelungen. Schließlich müssten neue lokale Ausbrüche sofort und rigoros bekämpft werden. Die Autoren berufen sich darauf, dass eine ähnliche Strategie unter anderem in Australien und Neuseeland erfolgreich gewesen sei. Führende Expertinnen aus diesen Ländern seien zudem bereit, die deutsche Politik bei Bedarf zu beraten.
Das Zonenmodell basiert auf den Überlegungen des theoretischen Physikers Yaneer Bar-Yam, Direktor am New England Complex Systems Institute. Der Physiker und Mitautor der Stellungnahme Matthias F. Schneider von der TU Dortmund hatte es bereits im September in einem Gastbeitrag auf ZEIT ONLINE beschrieben. Demnach würde es in Deutschland grüne Zonen geben, also solche, in denen es keine Neuinfektionen mehr gibt. Dort könne die Bevölkerung dann schrittweise zur Normalität zurückkehren. Außerhalb dieser Regionen würden weiterhin strenge Kontakt- und Mobilitätsbeschränkungen sowie strikte Quarantäneregeln gelten. Hinzu kämen eine effiziente Teststrategie und die schon laufende Impfkampagne. Somit, so das Ziel der Strategie, würden schrittweise immer mehr Regionen grün werden. Sobald wieder neue Fälle aufträten, müssten lokal wieder zeitlich begrenzte Maßnahmen in Kraft treten.
Die Zahl der Neuinfektionen so stark zu senken, halten die Autorinnen und Autoren für realistisch: "Nach der ersten Welle haben wir in Deutschland eine Inzidenz von 2,5/100.000 pro Woche erreicht." Es sei also möglich. Basierend auf dem Beispiel Melbournes schätzen sie, dass Deutschland von der derzeitigen Inzidenz mit verschärften und konsequenter umgesetzten Maßnahmen in wenigen Wochen auf 10 Neuinfektionen pro Woche und 100.000 Einwohnerinnen kommen könnte. In Melbourne habe es ab diesem Zeitpunkt noch etwa vier Wochen bis zur stabilen Null gedauert.