Ohne das Virus leben ist das Ziel – Seite 1
Es ist Montagabend, kurz nach einem Termin mit dem Kanzleramt und der Ministerpräsidentenrunde. Eine Reihe von Wissenschaftlerinnen und Forschern war geladen, um über die Corona-Lage zu beraten. Nun treffen sich zwei davon noch einmal zur Videokonferenz auf Zoom, andere, die dasselbe Ziel haben, stoßen dazu. Sie alle haben die Nächte am Wochenende durchgearbeitet, fast wie im Rausch ein Papier zusammengeschrieben, das erklärt, wie Deutschland endlich aus dieser Pandemie herauskommen soll. Es ist, wenn man so will, der Prototyp eines Masterplans. Sie nennen es No Covid. Der Appell, den die Gruppe an die Regierenden formuliert, ist klar: Lasst uns keine halben Sachen mehr machen, lasst uns nicht ständig nur reagieren, lasst uns dieses Virus endlich besiegen. Gemeinsam. Ihr Vorschlag trifft auf Politikerinnen und Politiker, die am Dienstagabend wieder nur leichte Verschärfungen und Verlängerungen beschließen werden.
Dieses schon befürchtete Weiter-wie-bisher löst in der Gruppe Sorge und Kopfschütteln aus. Ein jeder an seinem heimischen Schreibtisch sitzend, im gefühlten Dauerlockdown: Die Virologin Melanie Brinkmann ist da, der Internist Michael Hallek, die Politologen Maximilian Mayer und Elvira Rosert und die Physiker Michael Meyer-Hermann und Matthias Schneider. Andere Unterstützer des No-Covid-Papiers stammen aus der Wirtschaftswissenschaft, aus der Pädagogik, aus der Soziologie oder aus der Rechtswissenschaft. Es mangelt nicht an großen Namen. Was während des Zoom-Gesprächs schnell klar wird: Hier dominiert keine Fachdisziplin. Die Teilnehmenden ergänzen sich, anstatt sich zu widersprechen. Es ist für die Wissenschaft ein rarer Moment, in dem Argumente nicht an Fächergrenzen zu Fall kommen, sondern im Gegenteil an Kraft gewinnen.
Ihr gemeinsamer Antrieb ist eine fundamentale biologische Einsicht über das Virus: Es gibt nur zwei Wege, mit ihm umzugehen. Entweder man lässt es durch eine Bevölkerung durchlaufen, was zu sehr großen Opfern – vielen, vielen Toten und wirtschaftlichen Schäden – führt. Oder man drängt es radikal zurück – solange man kann. Während Deutschland auf die gerade beschlossenen Maßnahmen schaut, geht es den Expertinnen und Experten in der Zoom-Schalte um etwas anderes. Um eine echte Perspektive.
Und um es gleich aus der Welt zu schaffen: Die Autorinnen plädieren nicht pauschal für immer härtere Maßnahmen oder dafür, Deutschland für wenige Woche komplett lahmzulegen, um das Virus – bei großen Kollateralschäden – förmlich zu zerquetschen. Auch wenn No Covid erst mal danach klingen mag. Stattdessen formuliert die Gruppe einen Langzeitanspruch an die Regierenden. Und sie sagen klar: Es ist ernst, wir haben nicht mehr viel Zeit, wollen wir nicht von einer riesigen dritten Welle überschwemmt werden. Es sind, neben vielen anderen Aspekten, die wohl deutlich ansteckenderen Virusvarianten B.1.1.7 und B.1.3.5.1, die ihnen Sorgen bereiten. Wenn die sich hierzulande ausbreiten, "würde uns das in eine ganz andere Welt katapultieren", sagt etwa der Modellierer Michael Meyer-Hermann an diesem Abend.
Dass der Lockdown fortgeführt werden muss, darin sind sich alle einig. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt lassen sich die Infektionszahlen eben nur mit Kontaktbeschränkungen senken. Michael Hallek, in der deutschen Universitätsmedizin eine Instanz und jemand, der seine Worte sorgsam wählt, sagt aber auch, der jetzige Lockdown müsse "effizienter" werden. "Und vor allem muss klar sein, warum wir ihn machen. Er muss sich lohnen." Um das zu erreichen, formulieren die Wissenschaftlerinnen ein klares Ziel: ein Rennen auf die Null zu.
So lange wie nötig, so kurz wie möglich
Die Strecke ist dabei eine in Etappen. Zunächst sollen die Fallzahlen durch einen klügeren Lockdown auf eine Inzidenz von weniger als zehn gedrückt werden, etwa mit mehr Homeoffice und anhaltenden Schulschließungen. Würde man all diese Maßnahmen dann auch konsequenter umsetzen, dauere das mit der bislang hierzulande verbreiteten Virusvariante bis etwa Anfang März, sagt Michael Meyer-Hermann, der für das Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung den Pandemieverlauf seit Beginn modelliert.
Sobald die Inzidenz unter zehn liege, könnte das No-Covid-Konzept greifen, das vor allem auf den theoretischen Physiker Yaneer Bar-Yam zurückgeht. Die Ideen des Direktors des New England Complex Systems Institute im US-amerikanischen Cambridge setzten bereits Australien und Neuseeland erfolgreich um, die Covid-19 weitestgehend im Griff haben. Matthias Schneider von der TU Dortmund sagt während des Zoom-Gesprächs (lesen Sie hier seinen Gastbeitrag zum Thema), dass es von diesem Moment an noch circa drei bis vier Wochen dauere, bis man das Virus nahe null gedrückt habe.
Um das zu erreichen, helfe ein Zonensystem. Regionen, in denen es keine Infektionen mehr gebe, würden zu grünen Zonen erklärt. In diesen grünen Zonen kann die Bevölkerung schrittweise zur Normalität zurückkehren, ins Café und ins Konzert gehen, sich wieder frei bewegen. Dort, wo sich Menschen anstecken, bleibt die Zone rot. In den roten Zonen gelten weitere strenge Beschränkungen, vor allem dürfen Menschen aus roten Zonen nicht in grüne reisen. Und wann immer neue Fälle auftauchten, müssten die Gesundheitsbehörden mit aller Härte reagieren, die Betroffenen konsequent isolieren, die Quarantäne wirklich durchsetzen, und sei es, indem man Menschen vorübergehend auch im Hotel unterbringt.
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Ich wohne in Australien und kann die Zero-Covid-Strategie sehr empfehlen. Wegen eines Ausbruchs in Sydney sind zur Zeit auch noch manche Bundesländer-Grenzen hier geschlossen. Für die Einwohner an den Grenzen der Länder gibt es Ausnahmeregeln. Gut organisiert, die Polizei kontrolliert die Grenzen und die große Mehrheit der Australier ist eh bei der Strategie mit im Boot. [...] Die Australier können sich gar nicht vorstellen, dass dies im ›fortschrittlichen‹ Deutschland nicht funktioniert.
Das klingt ungewohnt hart für hiesige Verhältnisse. Wer aber denkt, der Vorschlag der No-Covid-Gruppe zeichne sich vor allem durch Härte aus, liegt falsch. Die vorgeschlagene Strategie bezieht die Menschen und ihre Fähigkeit mit ein, für sich selbst zu sorgen und sich im Team für ein gemeinsames Ziel zu verbünden. So war es etwa in der Millionenmetropole Melbourne, wo Bürgerinnen und Bürger gemeinsam mit lokalen Unternehmen und Verwaltungen so ehrgeizig das Ziel "grün" verfolgten, dass sie es um Wochen früher erreichten als prognostiziert. "Das Prinzip der grünen Zonen arbeitet gewissermaßen mit Belohnungen", sagt Matthias Schneider. Und da wird klar, was sein Kollege Hallek damit meint, wenn er davon spricht, der Lockdown müsse sich auszahlen: Man braucht jetzt Erfolgserlebnisse, um durch die Pandemie zu kommen. Das sei ein erprobter Weg.
"Auf diese Weise kämen wir raus aus dem Ohnmachtsgefühl, in das wir durch diese periodischen Lockdowns seit dem Herbst immer stärker hineingeraten", sagt der Kasseler Soziologe Heinz Bude, auch ein Mitglied der No-Covid-Gruppe, ein paar Stunden vorher am Telefon. "Der Ansporn, sich an Maßnahmen zu halten, kommt aus dem Vergleich mit anderen Regionen." Das funktioniere ein bisschen wie ein olympischer Wettbewerb. Stolz inbegriffen. "Dieses Virus ist ein soziales Phänomen – und deshalb bekommen wir es auch nur so in den Griff, das zeigt das Beispiel Australien", sagt Bude.
Bisher läuft es freilich anders. "Es ist nicht sinnvoll, immer nur Zeiten zu nennen, an denen die Maßnahmen aufhören sollen oder wieder auf den Prüfstand kommen", sagt die Politikprofessorin Elvira Rosert von der Uni Hamburg. Das sei eine Falle, weil ein Datum dazu verleite, nur zu warten und nicht aktiv zu werden. Mit der No-Covid-Strategie indes hätte man erstmals ein echtes Ziel und auch eines, dass sich wirklich erreichen und sichern lasse.
Freiheit oder Gesundheit: ein falscher Gegensatz
Auch wenn der Weg zu einer konsequenten Eindämmung nicht überall gleich ist, hat weltweit eine Reihe von Ländern ihn längst beschritten. Neben China, Taiwan, Vietnam oder Südkorea auch Länder, die Deutschland vermeintlich ähnlicher sind, wie eben Neuseeland und Australien, das im Übrigen genau wie Deutschland sehr stark föderal organisiert ist. Auch in diesen Ländern gab es Rückschläge, aber im Großen und Ganzen haben die strikten Maßnahmen der Regierungen dazu geführt, dass deren Bürgerinnen und Bürger heute viel mehr Freiheiten genießen als Menschen in Europa, das in großer Einigkeit Lockdown-Winterschlaf hält. Während hierzulande Innenstädte verwaist sind, kann man in Neuseeland auf Konzerte gehen und in Melbourne in Restaurants, Cafés und Fitnessstudios. Und Schulen und Kitas sind sowieso auf.
"Wir haben uns zusammengetan, nicht nur wegen der Gesundheit, sondern auch, weil wir eine freie Gesellschaft erhalten wollen", sagt Michael Hallek. "Wir wollen Freiheit und Gesundheit." Der Arzt kratzt damit an einem vermeintlichen Widerspruch, der sich in den Köpfen vieler Menschen breitgemacht hat, nämlich, dass man nur eines haben kann, dass man sich fortwährend entscheiden müsse: Freizügigkeit oder Tote, Lockdown oder ein zusammenbrechendes Gesundheitssystem.
Der Preis, den wir bezahlen, weil wir "mit dem Virus leben" wollen, ist schlicht nicht hinnehmbar. Weder gesellschaftlich noch gesundheitlich. Dass mit Clemens Fuest, dem Direktor des ifo Instituts, auch ein führender Wirtschaftswissenschaftler am No-Covid-Papier mitgearbeitet hat, unterstreicht das. Ein konsequentes Vorgehen gegen das Virus könnte zwar einen längeren Lockdown bedeuten, auf Dauer aber habe die Wirtschaft so Planungssicherheit und müsse deutlich weniger Schaden hinnehmen als bei immer wiederkehrenden, bisweilen halbherzigen Lockdowns und einer allzu reaktiven Politik.
Stattdessen steht Deutschland mit seinem Nachjustieren, sobald die Zahlen steigen, schlechter da als je zuvor. "Wir haben in dieser zweiten Welle in Deutschland so viele Tote, so hohe Fallzahlen wie die USA unter dem völlig unfähigen Präsidenten Trump, in Sachsen ging es zu wie in Bergamo, das kann doch nicht die Lösung sein", sagt Michael Hallek. Die Freiheiten, die eine Null-Fälle-Strategie verspricht, sind nur zu haben, wenn man sich an die epidemiologische Grundregel hält: Klare und schnelle Entscheidungen nützen allen am besten. Den Bürgerinnen und Bürgern, den Kliniken und Pflegeeinrichtungen, der Wirtschaft, den Schul- und Kitakindern.
Der Wille der Bevölkerung ist da
Neu sind die Vorschläge der No-Covid-Wissenschaftlerinnen und -Wissenschaftler nicht. Schon im März 2020 wandten sich einige der Autorinnen mit der Forderung an die Politik, eine nachhaltige Langzeitstrategie zu entwickeln – und das Virus letztlich konsequent einzudämmen. Maximilian Mayer, Juniorprofessor für internationale Beziehungen in Bonn, ist einer von ihnen. Seinen virtuellen Zoom-Hintergrund bildet ein Foto einer innigen Umarmung des ehemaligen EU-Kommissionspräsidenten Jean-Claude Juncker und seiner Nachfolgerin Ursula von der Leyen vor der Europaflagge. Es stimme schon, sagt Mayer, dass der Vorschlag in der "ewigen Wiederholungsschleife" stecke. Trotzdem sei das Timing gut, "denn die Frage, wie man den Lockdown beenden kann und was dann kommt, stellen sich gerade natürlich alle". Und er hat ja recht: Wann, wenn nicht jetzt, in den Untiefen eines bundesweiten Lockdowns, der wieder in die Verlängerung geht, sollte man den Langfristplan für diese Pandemie festlegen? Andererseits kann man natürlich fragen, wieso nun gelingen sollte, was Politikern in Deutschland ein Jahr lang nicht gelang: eine nachhaltige Langfriststrategie festzulegen und die Bürgerinnen auch noch zu motivieren, mitzumachen.
Damit das nun gelingt, ist die Kommunikation entscheidend. Fast scheint es, als hätte es die Idee einer konsequenten Eindämmung nie wirklich aus der bisweilen nerdigen Modelliererecke herausgeschafft an Küchentische, zu Lokalpolitikerinnen und in die Parlamente. Das soll sich nun ändern. "Der Wille bei der Bevölkerung ist da", sagt Elvira Rosert beim abendlichen Zoom-Termin, "woran man stärker ansetzen sollte, ist die Fähigkeit der Bürger, die Regeln einzuhalten." Woran es in dieser Pandemie ganz offenkundig fehle und das seit Monaten: gute und breite Gesundheitsinformationen von staatlicher Seite, eine Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), die diesen Namen verdient. Noch immer tragen viele Infomaterialien beispielsweise dem gewachsenen Wissen über Aerosole keine Rechnung, sagt Rosert.
Eine No-Covid-Strategie, das sagt auch Maximilian Mayer, müsse von einer massiven Informationskampagne begleitet werden. Es müsse etwa vollkommen klargemacht werden, wie der Wiederöffnungsplan aussähe. Und es braucht klare Ansagen darüber, welche Regeln eingeführt oder abgeschafft werden, wenn sich das Infektionsgeschehen verändert.
Was, wenn Europa nicht mitmacht?
Die Gruppe um Melanie Brinkmann, die an diesem Montagabend im Kanzleramt vorstellig geworden ist, dürfte für ihre Vorschläge viel Unterstützung aus Wissenschaft und Forschung bekommen. Schon seit Monaten fordern viele Expertinnen und Experten eine konsequente Eindämmung des Virus, eine lokale Ausrottung und schnelle und radikale Gegenmaßnahmen, wann immer es zu erneuten Ausbrüchen kommt (zum Beispiel The Lancet: Alwan et al., 2020). Viola Priesemann vom Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation, die selbst nicht am No-Covid-Papier beteiligt war, sagt: "Es hat klare Vorteile, wenn man das Virus komplett los ist. Man sollte in den kommenden Wochen noch einmal darüber nachdenken, ob das nicht eine Möglichkeit wäre." Erst im Dezember machten sich Virologinnen und Epidemiologen rund um Priesemann dafür stark, eine solche Strategie europaweit einzuführen (The Lancet: Priesemann et al., 2020).
Aber genau da beginnen auch die Probleme mit dem Vorschlag der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler: Was, wenn andere europäische Länder nicht auf eine Eindämmung des Virus setzen und so das Virus immer wieder eingetragen wird? Ob eine lokale Ausrottung nur auf europäischer Ebene oder auch national gelingt, ist schwer zu beantworten. Die No-Covid-Gruppe hat darüber zumindest intensiv nachgedacht. Die Mobilität zwischen Ländern, in denen es ähnlich viele Infektionen gibt, sei kein großes Problem. Für Menschen hingegen, die aus einem Land kommen, in dem es viele Covid-Fälle gibt, während hierzulande die Infektionszahlen erfolgreich gedrückt wurden, bräuchte es Regeln wie Quarantäne, Testung und im Notfall auch Grenzschließungen.
Und es ist nicht allein die europäische Uneinigkeit, die der Umsetzung einer No-Covid-Strategie im Wege stehen könnte. Die deutsche Antwort auf das Virus – man muss es so deutlich sagen – ist immer wieder an der Umsetzung guter Pläne gescheitert: Digitalisierung der Gesundheitsämter? Läuft nur schleppend. Die Corona-Warn-App? "Dieses Ding hat keine Arme und Beine", sagt Melanie Brinkmann, hilft also bei der Pandemiebekämpfung nur bedingt weiter. Und die Durchsetzung der Quarantäne? In Ländern wie Australien gibt es dafür zentrale Quarantänehotels, in Deutschland mit Glück einen Anruf vom Gesundheitsamt, mehr meist nicht. In den vergangenen Tagen häuften sich sogar die Geschichten von Einreisenden aus Großbritannien, die – obwohl dort die wohl deutlich ansteckendere Virusvariante B.1.1.7 zirkuliert – nach der Landung einfach mit Bus und Bahn in deutsche Innenstädte fuhren. Hinzu kommt, dass manches, was helfen könnte, die Pandemie einzudämmen, schlicht nicht zur Anwendung kommt. Nur ein Beispiel: Obwohl sich abzeichnet, dass die meisten Menschen nach einer guten Schulung Schnelltests durchaus gut anwenden können, dürfen sie hierzulande bisher nicht als Heimtests angewandt werden.
Ein perfektes Ziel mit Imperfektion erreichen
All das ist Melanie Brinkmann und ihren Mitstreitern bewusst. Wie rau der politische Diskurs darum aber geführt wird und mit welchen Mitteln überrascht dann doch. Einmal schaut Brinkmann während der Zoom-Schalte auf ihr Handy. "Woher wissen die das schon wieder?", ruft sie mitten in die Diskussion hinein. Sie scrollt gerade durch einen Artikel, in dem das, was sie ein paar Stunden vorher den Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten in einem vermeintlich vertraulichen Gespräch gesagt hat, im Wortlaut wiedergegeben wird. "Aber ich sollte mich gar nicht aufregen. Ich habe ja nichts gesagt, was ich in der Öffentlichkeit nicht auch sagen würde. Ich finde es nur befremdlich."
Brinkmann, die wie andere Virologen oder Epidemiologen an die Öffentlichkeit geht, die Stimmen der Wissenschaft in dieser Pandemie, sie werden immer wieder hart angegangen. Trotzdem verbreiten Brinkmann und die anderen an diesem Abend Hoffnung. Auch darauf, dass Deutschland lernt, wenn erst einmal ein Ziel ausgegeben ist. Michael Meyer-Hermann sagt: "Wir haben ein perfektes Ziel, aber das heißt nicht, dass wir perfekte Maßnahmen brauchen, um es zu erreichen. "Imperfektionen seien Teil eines jeden Systems, das müsse man bei der Strategie einfach berücksichtigen. Auch Länder wie Australien, sagt er, hätten kein perfektes System gehabt, das Virus aber trotzdem zurückgedrängt. Von ärmeren Ländern wie Vietnam oder Thailand, will man hinzufügen, ganz zu schweigen. Wichtig sei, dass man aus Fehlern oder Problemen – etwa bei der Quarantäne – lerne, fügt Maximilian Mayer hinzu.
Coronavirus kurz und knapp
Vielleicht sollte das Lernen damit beginnen, falsche Narrative aus dem Weg zu räumen, die die Debatte bis heute prägen. Tatsächlich glaubte zu Beginn der Pandemie kaum ein Experte daran, dass sich das so agile Virus eindämmen, die Fallzahl also wirklich auf null senken ließe. Das zeige sich auch in den Plänen, die der Bundestag für Pandemien gemacht habe, sagt Maximilian Mayer: "In der einzigen publizierten Pandemiesimulation spricht niemand davon, den Erreger – ein fiktives Sars-Virus – einzudämmen oder zu stoppen." Und das, obwohl eine Infektionssterblichkeit von zehn Prozent angenommen wird. "Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen", sagt Mayer.
Tatsächlich spricht auch aus der bisherigen Strategie der Bundesregierung die Annahme, dass Virus lasse sich gar nicht komplett eindämmen. Denn als Ziel der Lockdowns gilt weiter eine Grenze von 50 Fällen auf 100.000 Menschen. Dabei aber handelt es sich um eine Zahl, für die es nie eine wissenschaftliche Begründung gab – und die zur Falle wird, weil immer jemand nach Lockerungen ruft, sobald man sich der Zahl auch nur nähert. Noch dazu wird vergessen, dass die "blöde 50", wie Brinkmann sie nennt, nicht auf Dauer zu stabilisieren sei, ohne dauerhaft massive Kontakteinschränkungen beizubehalten. "Erst recht nicht mit den neuen Virusvarianten, die die ganze Gleichung ungünstig verschieben". Der größter Fehler einiger Akteure sei es im Moment, das nicht zu erkennen oder einzugestehen. Als die Inzidenz noch weit niedriger lag, galt die 50 noch als Alarmsignal, als Kipppunkt für die unkontrollierte Ausbreitung des Virus. Nun wird suggeriert, es reiche aus hier wieder hinzukommen.
Trotz allem ist die Fraktion derer, die sagen, Sars-CoV-2 lasse sich nicht wirklich eindämmen, nicht klein. Mancher, wie der Epidemiologe und ehemalige Leiter des WHO-Influenzaprogramms, Klaus Stöhr, betonen, dass die Saisonalität von Coronaviren gegen uns spiele. Im Winter sei die Wahrscheinlichkeit einer Übertragung viel höher, weil es kälter sei und viele Menschen viel Zeit in Innenräumen verbringen. Die Fallzahlen so krass herunterzudrücken wie es Deutschland im Frühsommer 2020 gelang, sei unrealistisch. Der Modellierer Meyer-Hermann relativiert das: "Die Übertragungswahrscheinlichkeit ist im Winter höher. Das hängt wesentlich mit dem Verhalten der Menschen zusammen, die längere Zeit in geschlossenen Räumen verbringen." Das behindere eine Senkung der Fallzahlen zwar, mache sie aber nicht unmöglich.
Risikogruppen in einer wütenden Pandemie schützen: Geht nicht
Auch der Vorstellung, die Pandemiebekämpfung könne gelingen, indem man sich einzig darauf konzentriere, die Risikogruppen zu schützen, wenden sich die Autoren des No-Covid-Papiers zu. Sie weisen in ihrem Papier explizit daraufhin, dass der Schutz besonders verletzlicher Menschen in Deutschland nicht immer gut umgesetzt werde, und fordern Nachbesserungen, etwa mehr – und verbindliche – Tests und eine Prüfung, ob die verpflichtenden Hygienepläne auch umgesetzt werden. Allein aber würden diese Maßnahmen nicht ausreichen, schreiben die Autoren. Schätzungen zufolge gehören tatsächlich rund 40 Prozent der Menschen in Deutschland zu einer Gruppe, die ein erhöhtes Risiko für einen schweren Covid-Verlauf hat. Allein 22 Prozent der Deutschen sind älter als 65, dazu kommen noch Menschen mit chronischen Gesundheitsproblemen wie schwerem Übergewicht oder einer Krebserkrankung. Sie alle abschirmen zu wollen, sei realitätsfremd. Die Vulnerablen perfekt zu schützen, während die Fallzahlen sehr hoch sind, sei weder ethisch vertretbar, noch sei es jemals gelungen, betonen auch Tausende Wissenschaftler in einer Stellungnahme, dem John-Snow-Memorandum.
Aus Sicht des Arztes ist dies kein Virus, mit dem man spielen sollte.
Aber selbst wenn es gelänge all diese Menschen zu schützen – etwa dadurch, sie rasch zu impfen –, würde die Pandemie noch immer viele Opfer fordern. "Wir schätzen konservativ, dass mehrere 10.000 Menschen unter 65 sterben würden, wenn wir das Virus durchlaufen ließen", sagt Michael Meyer-Hermann. "Aus Sicht des Arztes ist dies kein Virus, mit dem man spielen sollte", sagt Michael Hallek. Denn zusätzlich zu den Toten trügen zehn bis zwanzig Prozent der Erkrankten Langzeitschäden wie Erschöpfung oder Organschäden davon. Das Virus laufen zu lassen, sei "ein Sozialdarwinismus, der in unserer Gesellschaft nicht Fuß fassen darf". Hallek erzählt, er gehe an der Uniklinik Köln jeden Tag auf die Intensivstationen und schaue nach den Patienten. "Die Menschen dort sind im Schnitt 60 oder 61 Jahre", also jünger, als viele denken.
Und es gibt noch einen weiteren wichtigen Grund dafür, die Fallzahlen niedrig zu halten, während schon geimpft wird. Die No-Covid-Autoren erwähnen ihn noch nicht einmal in ihrem Papier: Je geringer die Viruszirkulation beim Ausrollen der Impfung, desto geringer auch die Chance, dass Mutationen entstehen, die die Impfstoffe weniger wirksam machen.
Im Gespräch an diesem Montagabend sind die No-Covid-Vorkämpfer kaum zu bremsen. Ihre Idee scheint sie zu euphorisieren. Es ist die Aussicht darauf, dem politischen "Eiertanz", wie sie in ihrem Papier selbst schreiben, endlich zu entgehen und wirklich etwas gegen das Virus zu tun. "Wir müssen zumindest unseren Kindern mal sagen, dass wir es versucht haben", sagt Maximilian Mayer.
Ob diese Euphorie auch die Politik erreicht, bleibt derweil unklar. Das Kanzleramt sei sehr interessiert gewesen, heißt es. Was die Ministerpräsidenten angeht, sei man eher skeptisch, sagt einer aus der Gruppe. Michael Hallek sagt, er habe mit einigen Politikern gesprochen. Viele seien durchaus fasziniert gewesen. "Aber ob sie den Mut haben, das auch zu sagen, weiß ich nicht." Die kommenden Wochen werden es zeigen.



