Wer mit der Zeitmaschine etwa 100 Jahre in die Vergangenheit reist, sollte die Menschen dort unbedingt fragen, wie sie sich die Zukunft vorstellen. Wie sähe wohl das Leben auf der Erde mit einer Bevölkerung von sechs Milliarden Menschen aus? Man bekäme als Antwort garantiert ein Höllenszenario ausgemalt.

Gesehen mit den Augen des 19. Jahrhunderts sprengt heutige Lebensrealität jegliche Vorstellungskraft. Niemand hätte die Errungenschaften und Probleme unserer Zeit je auch nur erahnen können. Den Blick in die Zukunft bestimmte damals eine Mixtur aus Glauben, Angst und Hochrechnung. So wurden die tatsächlichen Zukunftsprobleme verschleiert, und nicht vorausgesehen.

Doch ist es heute anders? Umweltplanung und Klimaschutz unterliegen Entscheidungsprozessen, bei denen Wählergunst, Markenimage, Geltungsdrang und Panikmache wohl eine größere Rolle spielen als faktenbasierte Vorhersagen. Die Vorgänge zwischen Mensch, Erde und Technik sind zu komplex, um sie wissenschaftlich vertretbar auf Demonstrationen, Aktionärsversammlungen oder in Parteiprogrammen zu behandeln.

Anstelle der Aufklärung hat sich also ein quasi-religiöses Halbwissen etabliert, wonach eine fiktive Schnittmenge aus Biofood, Ökostrom, Hybrid-Autos und Sozialromantik zum besseren Leben führt. Den grünen Kanon zu durchbrechen, bedeutet eine unpopuläre Position zu beziehen. Doch ist genau das notwendig, um sinnvolle Ideen für langfristigen Umweltschutz zu entwickeln.

Hier steht Michael Braungart zwar nicht allein auf weiter Flur, doch der Professor für Verfahrenstechnik an der Erasmus-Universität Rotterdam gehört zu der kleinen Gruppe derer, die sich weigern, die üblichen Phrasen der Umweltschutzbewegung unhinterfragt zu wiederholen.

Auf dem 53. Weltkongress der International Federation for Housing and Planning (IFHP) in Berlin irritierte Braungart das Fachpublikum mit kontroversen Thesen: Weil unser Verständnis von Umweltschutz aus einem post-religiösen Angst- und Schuldkomplex her entstanden sei, beinhalte es von vornherein falsche Grundannahmen, die effektiven Umweltschutz erschweren. Die Umweltkatastrophen der achtziger Jahre hätten diesen Aspekt der grünen Bewegung sogar verstärkt und an wichtiger Stelle Know-how verdrängt – durch noch mehr Angst und Schuld. Nach dem Chemieunfall 1976 in Mailand, der nach einer der betroffenen Gemeinden als "Seveso" in die Geschichte einging, der weltweit bisher größten Chemiekatastrophe in einer indischen Fabrik in Bhopal im Jahr 1984 und dem Atomunfall von Tschernobyl 1986 habe man eine ganze Generation von Ingenieuren aufgegeben, sagte Braungart vergangene Woche in Berlin.