Die Geothermie gerät immer wieder in die Schlagzeilen: Mal bebt die Erde wie in Basel, mal hebt sich in Staufen im Breisgau der Untergrund oder schießt Wasser mit Hochdruck aus dem Boden wie in Wiesbaden, wenn versucht wird, die Wärme aus dem Untergrund für den Menschen zu erschließen. Über die Risiken und Chancen der Technologie sprach spektrumdirekt.de mit dem Geowissenschaftler Ernst Huenges, der am Geoforschungszentrum Potsdam (GFZ)  die Abteilung für Geothermie leitet.



Frage: Herr Huenges, in Wiesbaden wurde im Rahmen eines Geothermie-Projekts ein Grundwasserspeicher angezapft, der dann unter Druck aus dem Bohrloch sprudelte: Lässt sich so eine Blase nicht schon bei den Voruntersuchungen feststellen?
 

Ernst Huenges: Man kann so eine Wasseransammlung leider nicht im Vorfeld erkennen. Aber man muss bei jeder Tiefbohrung darauf vorbereitet sein, denn man trifft immer wieder auf Wasser: ob es sich nun um eine Blase handelt oder einfach einen Wasserhorizont in einer Sandsteinschicht. Die Flüssigkeit steht in der Regel unter Druck, weshalb wir von einem gespannten Grundwasserleiter sprechen. Normalerweise besitzen Bohrfirmen aber das Knowhow, um diesen zu beherrschen, ohne dass er nach oben bricht.



Frage: Wie entscheidet man, ob ein Gebiet überhaupt für Geothermie tauglich ist: Gibt es da Voruntersuchungen – auch im Hinblick auf mögliche Nebenwirkungen?





Huenges: Es gibt geophysikalische Prospektionen und Nachbarbohrungen, um ein Zielgebiet zu erkunden. Dabei müssen wir aber zwischen verschiedenen Formen der Geothermie unterscheiden: Zum einen gibt es die oberflächennahe Geothermie. Sie beschränkt sich auf die obersten Erdschichten und nutzt deren Wärme. Wegen der Oberflächennähe liegen die Bodentemperaturen allerdings relativ niedrig, weshalb zum Gesamtsystem noch ein so genanntes Temperatur anhebendes Verfahren gehört: Über eine elektrische Wärmepumpe verdichtet man den Energieträger und hebt dessen Temperatur auf ein Niveau, das sich zum Heizen nutzen lässt.



Die tiefe Geothermie in mehr als 400 Metern Tiefe erreicht dagegen normalerweise Energiequellen, deren Temperaturen für unsere Zwecke ausreichen. Hier müssen keine Wärmepumpe dazwischen geschaltet werden. Beide Methoden sind praktisch überall möglich.

Frage: Wie wird bei der Bohrung vorgegangen und das Bohrloch gesichert?





Huenges: Technisch gesehen, ist das relativ einfach: Sie haben eine Bohranlage mit einem Meißel als Kopf, der sich zumeist mit dem gesamten Bohrgestänge dreht. Dieser Meißel sorgt für den Abrieb des Gesteins, der vom Spülungsumlauf nach oben gefördert und entsorgt wird.



Trifft man auf einen gespannten Grundwasserleiter, gilt es zuerst, den Spülungskreislauf zu beschweren, um dem Druck von unten entgegenzuwirken. Man schafft quasi ein Gegengewicht, damit das Bohrloch schnell abgedichtet werden kann – und das funktioniert auch noch, wenn das Wasser oben heraus sprudelt. Und dann muss man natürlich beobachten, wie sich die Situation im Bohrloch entwickelt. In Wiesbaden hätte man wohl ziemlich stark beschweren müssen, aber mehr kann ich dazu aus der Distanz leider nicht sagen.



Frage: Es gab ja schon öfter kleinere Beben – etwa in Basel – oder Gebäudeschäden, die mit Geothermie in Zusammenhang gebracht wurden wie in Staufen. Dort hebt sich der Untergrund, seit das Rathaus im Rahmen eines Geothermieprojekts mit Erdwärme versorgt werden sollte, und schädigt Häuser. Provokant gefragt: Ist Geothermie eine riskante Technologie - oder waren diese Folgen einfach nur Pech?



Huenges: Ich würde das nicht nur Pech nennen. Aber auch hier müssen wir wieder zwischen der oberflächennahen und der tiefen Geothermie unterscheiden: Staufen im Breisgau gehört zum ersten Typ. Den zwei, drei Fällen, in denen Risiken und Schäden aufgetreten sind, stehen allein in Deutschland mehr als 170 000 Anlagen gegenüber, die problemlos laufen - rein statistisch gesehen ist der Anteil an problematischen Projekten also verschwindend gering. Das sind natürlich immer noch zwei, drei Fälle zu viel - insbesondere Staufen ärgert uns maßlos, weil es nichts mit Geothermie an sich zu tun hat, wenn ein Projekt schlecht gemanagt und Qualitätsstandards nicht eingehalten werden.



Bohrköpfe wie dieser sollen die Energiequellen im Untergrund erschließen

Basel oder auch Landau in der Pfalz, wo es in der Nähe eines Geothermie-Kraftwerks gebebt hat, sind etwas anderes: Sie gehören zum tiefen Typ, und hier gibt es noch Forschungsbedarf. Landau beispielsweise hat uns überrascht, weil es erstmals während des Betriebs einer Anlage zu seismischen Aktivitäten kam. Und seit Basel wissen wir, dass man in tektonisch so stark beanspruchten Gebieten wie dort mit der heutigen Technologie noch nicht bohren sollte. Tiefe Geothermie ist jedenfalls machbar, aber wir lernen hier noch hinzu. Mit der Schaffung eines geothermischen Wärmetauschers unter Tage ist immer Seismizität verbunden, die bislang aber maximal eine Stärke von 3 erreicht hat. Wenn es in dieser Magnitude bebt, knallt es und die Anwohner erschrecken, es entstehen jedoch keine wesentlichen Zerstörungen.



Sie sollten aber auf alle Fälle bedenken, dass wir seit rund 100 Jahren Geothermie nutzen. Und bislang ereignete sich kein einziges schwereres Unglück, bei dem Menschenleben in Gefahr waren oder katastrophale wirtschaftliche Schäden auftraten.