Ist alles noch viel schlimmer als bislang befürchtet? Mehrere Wissenschaftler und Umweltaktivisten sind sich sicher: Im Golf von Mexiko schießen nicht 5000 Barrel Öl täglich aus den Lecks in rund 1500 Metern Tiefe, sondern weitaus mehr. Die Zahlen, die die Forscher nun berechnet haben, sind dramatisch: Möglicherweise tritt aus den Rohren, die einst zur Bohrinsel Deepwater Horizon führten, gut das Zehnfache an Öl aus als bislang von BP und der US-Regierung behauptet wird. Das würde bedeuten, dass täglich fast acht Millionen Liter der giftigen schwarzen Masse ins Meer gelangen würden.

"Es sind nur ein paar Tage nötig, höchstens eine Woche, bis der Rekord der Exxon Valdez überschritten wäre", sagte Eugene Chiang dem National Public Radio in den USA. Chiang, ein Astrophysiker von der Universität von Kalifornien in Berkeley, ist überzeugt, dass täglich zwischen 20.000 und 100.000 Barrel Öl auslaufen. 1989 flossen aus dem havarierten Tanker Exxon Valdez im Prince-William-Sund vor der Küste Alaskas mindestens 250.000 Barrel. Das Öl löste die bis dato größte Umweltkatastrophe in der Geschichte der Vereinigten Staaten aus. Noch heute leiden Helfer und das Ökosystem unter den Folgen der Katastrophe.

Dieses Video zeigt eines der Rohre in 1500 Metern Tiefe, aus denen Öl austritt. Die Berechnungen der Wissenschaftler stützen sich auf solches Videomaterial, dass von den Behörden und BP unter anderem auf der Plattform YouTube zur Verfügung gestellt wird

Die neuen Berechnungen stützt Chiang wie auch andere Wissenschaftler auf ein Video, das die Behörden am Mittwoch veröffentlichten. Es zeigt eines der Rohre auf dem Meeresgrund, aus dem anfangs eine hellere, dann eine dunkle Flüssigkeit sprudelt. Zunächst wird offenbar Methan frei, anschließend fließt Öl. Auch Steven Wereley von der amerikanischen Purdue Universität ist überzeugt, dass die von BP und den Behörden genannte Zahl von 5000 Barrel an austretendem Öl deutlich unterschätzt wird. Mithilfe eines Computerprogramms, das die Geschwindigkeit von fließenden Partikeln messen kann, kam auch er auf eine Ölmenge, die etwa bei 70.000 Barrel liegt. Seine Berechnung könne aber um plus oder minus 20 Prozent ungenau sein. Dennoch würde dies bedeuten, dass mindestens das Zehnfache an Öl austritt als angenommen.

BP hingegen bestreitet diese Zahlen. Es sei unmöglich genaue Angaben darüber zu machen wie viel Öl tatsächlich ins Meer gelange. Dazu seien die Methoden, die man habe, zu ungenau. Darüber hinaus sei die Berechnung der Menge mithilfe des Videos fehlerhaft. Denn das Öl würde nicht wie angenommen aus einer rund 53 Zentimeter breiten Röhre fließen, sondern aus einer nur halb so großen. BP verlässt sich bei seinen Angaben zur Größe des Ölteppichs auf Messungen an der Meeresoberfläche. Die 5000-Barrel-Schätzung stammt von der Nationalen Ozeanographiebehörde der USA (Noaa). Sie wurde anhand der Vorgaben des Bonner Übereinkommens erstellt. Hier regelten acht Nordseestaaten sowie die Europäische Union im vergangenen Oktober erneut, wie sie in Zukunft mit Öl- und Umweltverschmutzungen in der Nordsee umgehen wollen. Das Übereinkommen enthält auch eine Vorgehensweise, um das Ausmaß eines Ölteppichs abzuschätzen. Dabei wird die Schichtdicke des Öls an der Wasseroberfläche ermittelt und anschließend die Menge der schmierigen Flüssigkeit hochgerechnet.

Allerdings gab der Brite Alun Lewis, der am Bonner Übereinkommen mitgearbeitet hat, in der New York Times zu bedenken, dass diese Methode nicht für große Ölkatastrophen wie jene im Golf von Mexiko geeignet sei. Die Schichtdicke sei in diesem Fall nicht berechenbar genug. Doch wundert sich Lewis auch über die 5000-Barrel-Angabe. Denn selbst wenn Experten die Schichtdecke zur Bestimmung der Ölmenge verwenden würden, käme man zumindest auf eine Spannbreite, in der sich die Menge bewege, nicht aber auf eine mehr oder weniger exakte Zahl.