Sie nennen das Bohrloch inzwischen "die Quelle, die nicht sterben will". Die Sprache der harten Männer im Ölgeschäft ist voller Kriegs- und Kampfrhetorik. "Top kill" hieß der Versuch, das Unglücksbohrloch im Golf von Mexiko von außen zu verschließen. Am Wochenende hat BP nach mehr als dreitägigem Kampf mit der außer Kontrolle geratenen Quelle den Abbruch der Aktion erklärt. "Wir haben alles versucht", sagte BP-Manager Doug Suttles am späten Samstag Abend Ortszeit. "Aber ich muss auch sagen, und das beängstigt natürlich alle, es ist ein Faktum, dass wir das Sprudeln der Quelle nicht beenden konnten." Eine Sprecherin der Küstenwache, Konteradmiralin Mary Landry, fügte hinzu: "Es gibt keine Patentlösung, um das Leck zu stoppen."

Es ist eine dramatische Kapitulationserklärung, deren Folgen für die Umwelt aber auch für die Politik noch gar nicht voll abzusehen sind. Praktisch bedeutet dieser Misserfolg, dass das Unglücksbohrloch wohl frühestens im August gestopft werden kann. 60 bis 90 Tage werden für den Alternativplan veranschlagt, das lecke Bohrloch mit Entlastungsbohrungen von der Seite zu treffen und dann zu versuchen, es von innen zu verschließen. BP sagt, man habe bereits vor Tagen parallel zur "Top kill"-Operation mit den Vorbereitungen begonnen. Und die Arbeiten kämen schneller voran als erwartet. Doch solchen optimistischen Tönen aus den Mündern von Ölmanagern traut niemand mehr – nach all den Ankündigungen der annähernd sechs Wochen seit Explosion der Ölplattform, die in lauter Misserfolgen endeten.

Noch mindestens zwei oder drei Monate wird das Rohöl wohl weiter sprudeln und das Meer und die angrenzen Küsten verseuchen. Dagegen immerhin wollen Regierung und der Ölkonzern vorgehen. Geplant ist, das alte Steigrohr, das nach dem Untergang der Plattform "Deepwater Horizon" abgerissen und mehrfach gebrochen war, abzusägen. Durch die Lecks in diesem Rohr dringt das Rohöl ins Meer. Danach soll eine Auffangkuppel wie ein riesiger Trichter über das Bohrloch gestülpt werden, um das Öl aufzufangen, an die Wasseroberfläche zu leiten und dort in Tanker zu pumpen. Dafür werden vier bis sieben Tage veranschlagt. Doch BP warnt, man könne auf diese Weise nicht alles austretende Öl auffangen. Ein ähnlicher Versuch war zudem vor mehreren Tagen gescheitert.

Präsident Barack Obama sagte zum Misserfolg des "Top kill", es sei "herzzerreissend" und "zornerregend", dass BP die Lecks nicht stopfen könne und weiter Öl ins Meer fließe. Obama war am Freitag an die Küste geflogen, um sich selbst ein Bild von der Lage zu machen und mit aufgebrachten Fischern und Bürgern zu sprechen, die vom Meer und vom Tourismus leben. Das lange Wochenende verbringen er und seine Familie in Chicago. Am heutigen Montag ist Memorial Day, ein Feiertag, an dem die USA ihrer Toten und Gefallenen gedenken und auf den Fernsehsendern viele Heldenfilme laufen über Kriege und andere Notsituationen, die das Land gemeistert hat. Es ist ein scharfer Kontrast zu der heroischen Atmosphäre rund um den Memorial Day, dass die Ölbranche und die politische Führung jetzt ein Scheitern im Kampf gegen die Ölpest erklären müssen.

Seit Beginn der Operation "Top kill" am Mittwoch um 14 Uhr Ortszeit hatte BP mehrere Millionen Liter schweren Ölschlamm in das Bohrloch gepumpt, um so das austretende Öl und Gas zurückzudrängen. Wäre es gelungen, hätte man den Schacht mit weiterem schweren Material "beschiessen", eine künstliche Verstopfung auslösen und das Loch mit Zement versiegeln können.

Doch dabei mussten die Techniker mit äußerster Vorsicht vorgehen, um eine Balance zu halten. Wenn sie mit zu hohem Druck pumpten, bestand die Gefahr, dass sie das Bohrloch ungewollt vergrößerten, die Lage also noch verschlimmerten. Bei zu niedrigem Druck kann das austretende Öl nicht gestoppt werden. Seit Mittwoch waren die Arbeiten mehrfach unterbrochen worden, um Messungen vorzunehmen. Am Samstag entschied BP, das Leck sei mit dem bisher angewandten Druck nicht zu stopfen. Würde man den Druck weiter erhöhen, wachse das Risiko, das Bohrloch ungewollt auszuweiten, in unverantwortlicher Weise.