Im Minutentakt starten und landen Hubschrauber. Am Boden haben Bewaffnete neue Barrikaden errichtet. An der Küste von Louisiana sieht es in diesen Tagen aus wie in einem Vietnamkriegsfilm. 53 Tage sind vergangen seit der Explosion auf der BP-Bohrinsel Deepwater Horizon. Stimmen die neuen Schätzungen der US-Regierung, dann greifen mindestens 300 Millionen Liter Rohöl das Leben im Golf von Mexiko an.

"Die meisten Vögel, die in den Ölteppich geraten, verhungern qualvoll, werden gefressen oder ertrinken", sagt die Tierärztin Erika Miller von Tri-State Bird Rescue and Research. Manche erfrieren trotz der zurzeit tropisch anmutenden Hitze. "Das Öl zerstört die wärmende Wirkung der Federn", sagt Miller. Die wohl größte Umweltkatastrophe seit Tschernobyl hat den Golf von Mexiko in eine Todeszone verwandelt. Die Masse der sterbenden Tiere siecht einem einsamen Ende entgegen. Bis hierher, nach Fort Jackson, der einzigen Notaufnahme für die halbtoten Meeresvögel in ganz Louisiana, schaffen es die wenigsten. Auf jeden geretteten Vogel kommen neun tote, schätzen Wissenschaftler. Gewissheit gibt es nicht.

Das Lazarett liegt 70 Meilen südlich von New Orleans. Die Hubschrauber landen auf einem provisorischen Landeplatz in der Nähe, dann bringen Kleinlaster die verölten Vögel hierher. Vor einem zur Notaufnahme umgebauten Hangar stehen riesige Generatoren, die Strom erzeugen und die provisorische Tierklinik mit Energie versorgen. Drinnen arbeiten Ärzte, Pfleger und Freiwillige in 12-Stunden-Schichten. Jeder Arbeitsschritt folgt strengen Regeln. Kein Handgriff ist hier Zufall.

Da stehen sie: Zehn bis fünfzehn Pelikane in jedem Holzkäfig. Die Federkleider sind verölt und verkrustet. Die langen Schnäbel wirken wie dumpfe, verrostete Schwerter. Ängstlich kauern die Tiere in einer Ecke, scheinen sich tröstend aneinander zu schmiegen, nach Halt und Schutz zu suchen. Hilflosigkeit spricht aus ihren weit aufgerissenen Augen. Jeder Vogel wird fotografiert, markiert und bekommt eine eigene Akte. Erst in den vergangenen Tagen ist die Zahl der Patienten sprunghaft angestiegen. Aktuell auf der Intensivstation: Rund 400 Pelikane, Möwen und andere Wasservögel. Die Kapazität liegt bei 500. Neue Käfige sind bereits bestellt.

In der Wellblechhalle sind es fast 40 Grad, eine Klimaanlage würde den Vögeln schaden. Es stinkt nach totem Fisch, dem Futter für die Patienten. Die Vögel, die es bis hierher lebend schaffen, sind ausgemergelt. Seit Tagen, vielleicht Wochen, haben sie nicht gefressen. "Das Öl in den Federn verdoppelt das Gewicht der Pelikane – das macht sie flugunfähig", erklärt Tierärztin Miller. Bevor die lebensrettende Behandlung beginnen kann, müssen die Vögel mindestens einen Tag lang gefüttert werden, damit sie zu Kräften kommen.

Wild schlagen einige Pelikane um sich. Verzweifelt schnappen die Tiere nach ihren Helfern. "Unsere Patienten wissen nicht, dass wir ihnen helfen wollen", sagt Miller. Gemeinsam mit einer kräftigen Assistentin greift die Ärztin nach dem nächsten Pelikan aus einem der Holzkäfige. "Feste zupacken muss man", sagt Miller, "und dem Vogel nicht in die Augen sehen." Jeweils drei Menschen nehmen sich eines Vogels an, einer muss festhalten, die anderen zwei reinigen die Federn. Sie benutzen Zahnbürsten, Wasserstrahler und für die Augen Wattestäbchen. Bis zu 1100 Liter Wasser verwenden die Helfer für jeden Pelikan. Mit Pflanzenöl wird das Öl aus den Federn gelöst. Dabei wird geschrubbt und geschrubbt und geschrubbt.