Seit Wochen sind jegliche Versuche von BP gescheitert, das Bohrloch zu schließen. Nun ist der britische Ölkonzern einen bedeutenden Schritt weitergekommen und könnte – wenn sich denn alle weiteren Tests bewahrheiten – einen ersten großen Erfolg im Kampf gegen die Ölpest im Golf von Mexiko feiern. Am Donnerstagabend um 21.20 Uhr deutscher Zeit ist es den Ingenieuren gelungen, alle Ventile der neuen Auffangglocke über dem Bohrloch in 1500 Metern Meerestiefe zu schließen. Der Ölfluss ins Meer ist damit erstmals seit der Explosion der Bohrinsel Deepwater Horizon unterbrochen, mit der die Umweltkatastrophe am 20. April begonnen hatte.

US-Präsident Barack Obama sprach von einem positiven Signal. Er verwies jedoch darauf, dass es sich noch um eine Testphase handele. "Wir sind noch längst nicht am Ziel", betonten auch BP-Manager Doug Suttles und der Vizepräsident des Konzerns, Kent Wells. "Es ist schön zu sehen, dass kein Öl mehr in den Golf fließt", sagte dieser. Doch die Tests hätten " gerade erst begonnen".

Wells warnte ausdrücklich vor schneller Zuversicht: Vermutlich könne das Leck nur vorübergehend geschlossen werden, wahrscheinlich werde man später wieder dazu übergehen, austretendes Öl auf Schiffe abzupumpen. "Wir befinden uns erst am Anfang der Tests." Ähnlich äußerte sich Küstenwachen-Admiral Thad Allen, der von Obama ernannte Einsatzleiter. Man sei zwar ermutigt durch die Entwicklung. "Doch es ist noch nicht vorbei."

Ob das Bohrloch tatsächlich wie erhofft durch den Abdichtzylinder vorerst geschlossen werden kann, soll sich innerhalb von sechs bis 48 Stunden zeigen. Alle sechs Stunden wollen die Experten messen, ob das nun verschlossene Steigrohr in der Tiefe – der sogenannte Blowout Preventer und die daran angeschlossenen Steigleitungen – dem Druck standhält oder ob es Lecks gibt.

Der Druck, mit dem das Öl aus der Lagerstätte tief unterhalb des Meeresgrundes strömt ist enorm. Es besteht die Gefahr, dass der Abdichtzylinder diesem nicht Druck standhält . Aus diesem Grund hatte BP den Beginn der Tests bereits zweimal verschoben . Zudem ist unklar, ob die Explosion der Förderplattform vor drei Monaten die Gesteinsschichten in der Tiefe beschädigt hat. Ist dies der Fall, könnte sich das Öl und Gas durch das Verschließen des Blowout Preventers neue Wege ins Meer suchen. Durch Risse in der Umgebung des Bohrlochs könnten weitere Lecks entstehen.

Videos, Fotos, Reportagen und Hintergründe zur historischen Umweltkatastrophe im Golf von Mexiko © Joe Raedle/Getty Images

Sollte die Abdichtung nun halten, könnte sich BP vor allem auf die Beseitigung der Ölschäden auf dem Meer und an der Küste konzentrieren. Aufgrund der schwierigen Bedingungen in der Tiefsee gehen Experten jedoch davon aus, dass das Leck später lediglich etwa während Hurrikans geschlossen wird. Dann nämlich wäre ein Abpumpen des ausströmenden Öls nicht möglich. Zumindest dies aber war BP in den vergangenen Tagen gelungen: Teile des Ölflusses gelangten mit Auffangglocken in Tankschiffe.

Doch die Abdichtung des Bohrlochs ist keine Lösung auf Dauer. Nur wenn das Leck von innen verschlossen wird, lässt sich das ausströmende Öl nachhaltig aufhalten. Aus diesem Grund gehen auch die Entlastungsbohrungen in bis zu mehr als 5 Kilometern Tiefe unterhalb des Meeresgrundes weiter. Offenbar gehen diese Arbeiten zügig voran. Bereits Ende Juli will BP Zement und anderes Füllmaterial über diese Zugänge in den Boden leiten, um den Bohrschacht endgültig zu verschließen.  

Bislang strömten Schätzungen der Internationalen Energieagentur zufolge zwischen 2,3 und 4,5 Millionen Barrel Öl ins Meer. Das entspricht zwischen der 58- und 112-fachen Menge, die 1989 bei der Havarie des Tankers Exxon Valdez in Alaska ausgelaufen war.

Schon jetzt sind die Ausmaße der Umweltkatastrophe historisch. Die Folgen der Ölpest und die Schäden für das Ökosystem sind weiterhin kaum abzusehen und werden noch Jahre Tiere und Umwelt belasten. Weite Teile der US-Golfküste sind bereits verseucht, betroffen ist auch das ökologisch sensible Mississippi-Delta mit seinen einzigartigen Feuchtgebieten. Mittlerweile haben Umweltschützer Hunderte ölverschmierter Tiere eingesammelt. Verzweifelt wird etwa versucht, das Aussterben des Braunpelikans zu verhindern.

Auch die Tourismusindustrie und die Fischerei, die wichtigsten Wirtschaftszweige der Region, sind von der Ölkatastrophe schwer getroffen. Nach wie vor sind etwa 30 bis 35 Prozent der Küstengewässer für die Fischerei gesperrt.

Das Schicksal von BP steht ebenfalls zur Debatte. Der Multi hat inzwischen die Hälfte seines Börsenwerts verloren. Wegen der kaum abschätzbaren Folgekosten ist BP mittlerweile dabei, Käufer für Unternehmensteile zu finden, um Geld in die Kasse zu bekommen.

Verfolgen Sie hier im Video-Livestream die Arbeiten am Bohrloch im Golf von Mexiko.