Wie ein speiender Wasserdrache sieht er aus – der chinesische Drei-Schluchten-Staudamm, der mit der Flutkatastrophe am Jangtse-Fluss in Zentralchina ringt. Mehr als 700 Menschen sind seit Beginn der Überschwemmungen im April in vielen Teilen des Landes bereits ums Leben gekommen, Millionen sind auf der Flucht. Und immer noch schnellen reißende Wasserströme mit einer Geschwindigkeit von 40.000 Kubikmeter pro Sekunde aus den Schleusentoren des Staudamms. Doch es mehren sich die Zweifel, ob das umstrittene Bauwerk mit den Rekordwassermassen fertig wird.

Das Nachrichtenprogramm Eins plus Eins des staatlichen Senders CCTV lässt verhaltene Töne anklingen. "Setzt nicht die ganze Hoffnung auf den Drei-Schluchten-Staudamm", zitiert der bekannte Moderator Bai Xuesong einen seiner Interviewpartner. Und der, Cai Qihua, ist immerhin der amtierende Vorsitzende der staatlichen Changjiang-Wasserkraft-Kommission.

Der Grund: theoretisch kann der Pegelstand des Stausees durch weitere Wasseraufnahme aus dem Oberlauf noch um knapp 25 Meter auf die Höchstmarke von 175 Meter ansteigen. Aber nur theoretisch, wie Bai erläutert. Denn unweit des Langen Flusses wohnen zwischen dem bisherigen Höchststand von 150 Meter und den 175 Metern noch fast drei Millionen Menschen.

Laut Fan Xiao, dem Chefingenieur des Untersuchungsteams des geologischen Amtes der Provinz Sichuan, ist die Lage noch viel komplizierter. "Die offiziellen Angaben bezüglich der Aufnahmekapazität des Stausees stimmen nicht", sagt Fan. Denn die angegebenen 22,1 Milliarden Kubikmeter  beziehen sich auf das Volumen zwischen dem Niedrigwasserstand bei um die 100 Meter und der Höchstmarke.

Auch aufgrund der Stromerzeugung werde der Pegel allerdings seit Langem konstant um die 145 Meter gehalten. Der Spielraum für die Wassermassen sei also um gut 50 Prozent reduziert. Kein Wunder, dass selbst Wang Hai, der Chef des Flutbekämpfungsbüros des Staudammprojekts auf Nachfrage von Fernsehmoderator Bai eher ausweichend antwortet. Der Damm "sollte laut plangemäßer Vorbereitung" das diesjährige Hochwasser lindern können, sagte Wang.

Der Beitrag zur Hochwasserregulierung war das ausschlaggebende Argument für den Bau des Drei-Schluchten-Staudamm nahe der zentralchinesischen Stadt Yichang. Die Macht über das Wasser ist nach chinesischer Tradition die wichtigste Fähigkeit eines Herrschers. Schon Mao Zedong wollte den Damm bauen lassen. Kritiker konnten den Bau damals aufgrund technischer und ökologischer Bedenken stoppen. 1992 wurde er dann per Abstimmung im chinesischen Volkskongress genehmigt – mit einem historischen Negativrekord. Ein Drittel der Abgeordneten stimmte gegen den Staudamm oder enthielt sich.

Die Hoch- und Tiefbauarbeiten an dem 285 Meter hohen und knapp 75 Milliarden US-Dollar teuren Damm sind nach 13 Jahren im Mai 2006 abgeschlossen worden. Neben der Stromgewinnung von 18.200 Megawatt durch 26 Turbinen können auch 10.000-Tonnen-Schiffsfrachter den Jangtse hinauf bis in die Metropole Chongqing fahren. Der Preis dafür ist hoch: Millionen Menschen sind oft ohne angemessene Entschädigung zwangsumgesiedelt worden. Fische und Pflanzen haben ihren natürlichen Lebensraum verloren. Jüngst haben Erdrutsche entlang des Stausees zugenommen. Selbst staatliche Medien berichteten von Rissen in der Staumauer.