In den vergangenen drei Monaten gab es kaum einen Tag ohne Meldungen über das leckgeschlagene Ölbohrloch im Golf von Mexiko. Vor den Augen der Weltöffentlichkeit entwickelte sich dort die bislang größte marine Ölpest der Geschichte. Von den Medien stetig begleitet, versuchte der BP-Konzern mit allen Mitteln das ausfließende Öl zu stoppen. Man griff zu Chemikalien, versuchte zu verharmlosen – währenddessen waren Natur und Mensch der giftigen Ölmasse nahezu ungeschützt ausgesetzt. Nun scheint das Loch bald endgültig gestopft. Doch viele Fragen sind noch immer unbeantwortet. ZEIT ONLINE und Journalisten vieler anderer Medien sind ihnen nachgegangen. Auf Anregungen unserer Leser haben wir die Antworten gebündelt – hier ist unsere vorläufige Bilanz: 

Am 22. April, zwei Tage nach der Explosion, die elf Menschen in den Tod riss, sank die Bohrinsel Deepwater Horizon . Die Verbindung zwischen Förderplattform und Bohrloch riss ab und das Öl begann zu strömen. Können die Entlastungsbohrungen das Bohrloch endgültig und dauerhaft schließen?

Zwar hält die derzeitige Kappe auf dem Bohrloch, doch unter ihr drängt das Öl mit Macht nach oben, wegen des großen Drucks, der in der Meerestiefe herrscht. Deshalb sollen Entlastungsbohrungen das Loch bis Mitte August weiter stabilisieren und schließlich ganz versiegeln. Nach Meinung verschiedener Experten sind sie die letzte Alternative – scheitern sie, könnte noch lange Zeit Öl ins Meer fließen. Seit Anfang Mai dringen von zwei Seiten Bohrer in die Tiefe vor ( eine Grafik von BP zeigt den Fortschritt). Sie sollen das Steigrohr nacheinander anzapfen. Trifft der erste Bohrer auf das Steigrohr, wird ein Zementgemisch in den Untergrund geleitet. Die Masse soll das Rohr zunächst von außen, anschließend auch von innen weiter verstärken. Scheitert dieser erste Versuch, kann BP ihn über die zweite Entlastungsbohrung wiederholen.

Das Problem der Methode: In der Praxis hat es solche Bohrungen in dieser Tiefe noch nie gegeben. "Jede Entlastungsbohrung muss vorsichtiger durchgeführt werden als die ursprüngliche Bohrung", sagte etwa Donald van Nieuwenhuise von der Universität in Houston dem Magazin Spiegel , "man will ja nicht dasselbe Desaster noch einmal erleben". Sobald der Bohrer im Gestein auf eine Gasblase trifft, könnte eine weitere Explosion ausgelöst werden. Dann hätte man zwei Lecks statt einem.

Zudem könnten die Bohrer ihr Ziel auch einfach verfehlen. Das Steigrohr steckt in einer Art Umhüllung, die gerade einmal einen Durchmesser von 8,5 Zoll hat. Das sind 21,59 Zentimeter. Wie schwierig es ist, das Steigrohr zu treffen, zeigt ein ähnliches Unglück aus dem vergangenen Sommer vor der Küste Australiens. Dort brannte die Bohrinsel Montara und es trat Öl über das Bohrloch unter hohem Druck aus. Vier Entlastungsbohrungen scheiterten. Erst im fünften Anlauf traf man das Steigrohr in rund zweieinhalb Kilometern Tiefe – mehr als zehn Wochen nach dem Unfall.

Mittlerweile hat BP bereits schweren Schlamm in das Steigrohr gepumpt. Der Matsch blockiert das aufströmende Öl. Nun will BP ein spezielles Zementgemisch einleiten, dass innerhalb weniger Stunden aushärtet. Gelingt der Versuch, wäre das Bohrloch bereits versiegelt.

Welche Optionen hat BP, falls die Entlastungsbohrungen fehlschlagen?

Sollten beide Bohrversuche scheitern, will BP das Öl offenbar abpumpen und in Tanker an der Wasseroberfläche leiten. Allerdings ist auch dies riskant. Denn der Golf von Mexiko ist besonders in der Hurrikanzeit ein gefährlicher Ort. Die Sturmsaison dauert in der Regel von Juni bis November. Eine andere Möglichkeit wären Pipelines auf dem Meeresgrund. Die würde BP verwenden, um das Öl auf eine Förderplattform in einigen Kilometern Entfernung umzuleiten.

Wie viel Öl gibt es im Golf von Mexiko? Und wie lange würde es strömen, wenn das Loch nicht dauerhaft dicht hält?

Die Gesamtmenge an Öl im Golf von Mexiko ist nicht zu beziffern. Für die Quelle unterhalb der explodierten Bohrinsel Deepwater Horizon gab es vor den Bohrungen zumindest Schätzungen. Sie basieren auf Probebohrungen und geologischen Untersuchungen, die BP – der Firma gehören 65 Prozent des Feldes – vor Installation der Plattform durchgeführt hat. Ihnen zufolge befinden sich im sogenannten Macondo-Reservoir im Mississippi Canyon Block 252 mindestens 50 Millionen Barrel Öl. (Ein Barrel Öl entspricht 159 Litern.) Anderen Schätzungen zufolge gibt es dort unten Milliarden Barrel Öl – die Zahlen sind jedoch nicht weiter belegt. Auch die Menge an Gas ist unbekannt.

Da die Ölreserven in insgesamt mehr als 5500 Meter Tiefe unter einer dicken Gesteinsschicht liegen, stehen sie unter enormen Druck. Wird die Quelle angezapft, schießt das Öl daher automatisch nach oben. Wie lange es unkontrolliert ausströmen könnte, hängt davon ab, wie viel Barrel täglich austreten sowie von dem vorherrschenden Druck und der tatsächlich vorhandenen Menge an Öl im Reservoir. Da hier nur geschätzt werden kann, ist unklar, wie lange das Öl strömen könnte.