Wird das Öl rasch abgebaut oder für Jahrzehnte den Golf von Mexiko verschmutzen? Dies ist eine der Kernfragen, die übrig bleibt , seitdem Ingenieure nach monatelangen Fehlversuchen die Lecks am Meeresgrund schließen konnten. 780 Millionen Liter ist die offiziell geschätzte Menge an Öl, die seit der Explosion der Bohrinsel Deepwater Horizon im April ins Meer geflossen ist. Doch wie viel Öl haben Lösungsmittel zersetzt? Wie viel ist verdunstet? Und was geschieht mit dem Rest?

Jetzt hat ein Forscherteam um Terry Hazen von der Universität Berkeley in Kalifornien im Magazin Science eine Studie veröffentlicht, wonach Mikroorganismen die Ölpartikel rascher abbauen als vermutet. "Die Bakterien zersetzen das Öl mit einer derartigen Geschwindigkeit, dass sie in dem Abbauprozess des ausgelaufenen Öls zu den Hauptakteuren werden könnten", schreiben die Wissenschaftler, die allerdings auch zugeben, von BP finanzielle Förderung zu erhalten. Die Ergebnisse ihrer Untersuchung widersprechen einer Studie von Richard Camilli und seinen Kollegen vom Woods-Hole-Meeresforschungsinstitut , die vor wenigen Tagen ebenfalls in Science erschien. Camilli hatte anders als Hazen in etwa einem Kilometer Meerestiefe keine Anzeichen dafür entdeckt, dass Mikroorganismen die Ölwolke nennenswert abbauen .

Aus ähnlichen Meerestiefen stammen die Proben, die Hazen und sein Team zwischen dem 25. Mai und dem 2. Juni 2010 aus der Ölwolke entnommen hatten. Sie fanden darin zahlreiche Bakterien der Gattung Oceanospirilla , die dafür bekannt sind, dass sie Kohlenwasserstoffe – die Hauptbestandteile des Öls – zersetzen können.

Anstatt einzelne Arten bestimmter Öl zersetzender Bakterien zu bestimmen, maßen die Forscher den Gehalt an genetischem Material ganzer Bakteriengruppen im Wasser. Außerdem ermittelten sie die Konzentration an Zellmaterial in den Proben, das von Mikroorganismen stammt. Das Ergebnis: Dort, wo viel Öl das Wasser verschmutzte, war auch die Konzentration an Mikroorganismen besonders hoch. Hazen und seine Kollegen schließen daraus, dass sich das Ökosystem in der Tiefsee besser und schneller an die Ölverschmutzung anpasst, als zunächst vermutet.

Herkömmliche Forschungsmethoden ziehen anhand des Sauerstoffgehaltes im Wasser Rückschlüsse auf die Aktivität von Bakterien. Da die Kälte liebenden Gammaproteobakterien im Golf von Mexiko aber kaum Sauerstoff aus dem umliegenden Wasser verbrauchen, könnten andere Wissenschaftler sie bisher übersehen haben, meinen die Berkeley-Forscher.

Sie vermuten, dass sich die auf den Ölabbau spezialisierten Bakterien nach dem Bohrinselunglück deshalb so schnell vermehrt haben, weil sie nach ihrer Anpassung an natürliche Öllecks in der Region ständig vorhanden sind. Dennoch bleiben Fragen offen: Wann das Öl vollständig abgebaut sein wird, besagt die Studie nicht. Und auch nicht, welchen Schaden die eingesetzten Chemikalien hinterlassen haben, zu deren Zersetzung es ebenfalls Bakterien braucht.

Als Entwarnung für die Umwelt sind diese neuen Erkenntnisse also nicht zu verstehen. Noch immer weisen Forscher im Golf von Mexiko große Schwaden feiner Ölpartikel nach, die von winzigen Lebewesen aufgenommen werden. Noch immer werden verölte Vögel in die Reinigungsstationen an den Küsten gebracht. Die langfristigen Folgen für die Umwelt kennt bisher niemand. Jedes neue Forschungsergebnis ist hier nur ein Puzzleteil.