"Schmutzige Studie wäscht Shell rein" – so hätte der Titel dieses Artikels lauten können, hätte man dem Bericht des Guardian Glauben geschenkt. Denn dieser hatte berichtet, dass der Leiter eines UN-Projekts in Genf, Mike Cowing, verkündet habe, dass Shell nur für 10 Prozent der Ölverschmutzung im Nigerdelta verantwortlich sei. Die Pressestelle des Umwelt-Programms der Vereinten Nationen (Unep) teilte ZEIT ONLINE nun hingegen mit: Diese Zahlen mit der Unep-Studie in Verbindung zu bringen, sei falsch. Cowing habe sich in dieser Weise nicht geäußert.

In weiten Teilen des Nigerdeltas zwitschert dieser Tage kaum ein Vogel, keine Grille zirpt – viele der Mangrovenwälder sind tot . Schuld ist das Öl. Man kann es riechen und auf der Wasseroberfläche sehen. Denn auch wenn der Ölkonzern Shell seit 1993 nicht mehr im Nigerdelta nach Öl bohrt, verschmutzen zurückgelassene Bohrköpfe und verrottende Pipelines das Flussdelta weiter. Wie viele Ölfelder derzeit zudem noch in Betrieb sind, kann niemand mit Sicherheit sagen. Auch ist unklar, wie viele Pipelines unangetastet ruhen – und bereit liegen für kriminelle Banden, die die Ölquellen anzapfen, Pipelines sabotieren und Lecks verursachen.

So sei denn auch nicht der Ölkonzern Shell Hauptverantwortlicher für die massiven Umweltschäden im Delta, sondern für 90 Prozent der Lecks seien kriminelle Banden verantwortlich, wurde Cowing vom Guardian zitiert. Lediglich jeder zehnte Defekt an einer Förderanlage gehe auf technisches Versagen zurück und vor allem im Ogoniland im südöstlichen Teil des Deltas grassiere der Öl-Diebstahl, hieß es weiter.

Die vermeintlichen Aussagen des Umweltexperten stießen direkt auf Ablehnung. "Das meiste Öl schwimmt dort aufgrund der Eingriffe von Firmen und schlechter Instandhaltung von Rohren und Anlagen herum", sagt der Biologie Rick Steiner von der Universität Alaska . "Wenn Herr Cowing und seine Kollegen sich im Rahmen der Studie die Auswirkungen der Verschmutzung ansehen, dann sollten sie auch nur darüber sprechen und nicht Behauptungen über die Ursache der Verschmutzung aufstellen", sagt Audrey Gaughran von Amnesty International . "Außer sie haben jeden einzelnen Fall von Ölverschmutzung eigens untersucht – und das haben sie nicht."

Das sei auch nicht das Bestreben der Untersuchung, lässt nun die Pressestelle des Unep in einer Pressemitteilung verlauten. Seit vergangenem Oktober seien für die Studie fast 1000 Proben von Boden, Sediment und Wasser sowie Pflanzen- und Tiergewebe genommen worden, um zum ersten Mal die wahren Auswirkungen der Ölpest auf die Gesundheit der Menschen und der Tiere im Nigerdelta zu untersuchen. Im Dezember werde der komplette Bericht veröffentlicht. Zu diesem Zeitpunkt existiere nicht einmal ein Entwurf, teilte die Pressestelle des Unep mit.

Und in Bezug auf die Daten habe man deutlich darauf verwiesen, dass die Zahlen offizielle Schätzungen der Regierung Nigerias repräsentieren würden, die in Teilen wiederum auf Angaben von der Ölindustrie basieren. Deutlich? Da bleibt rätselhaft, wie es zu dem Missverständnis kommen konnte. 

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