Es ist ein einzigartiges Schauspiel der Natur. Jedes Jahr wandern über eine Millionen Gnus durch die weltberühmte Savanne der Serengeti. In der Regenzeit grasen die Tiere im Süden des Naturreservats, zur Trockenzeit ziehen sie gen Norden in die Masai Mara-Ebene in Kenia. Doch es droht Gefahr: Eine Fernstraße quer durch die Serengeti könnte das empfindliche Gleichgewicht des Weltnaturerbes für immer zerstören. Die große Wanderung der Gnus in den feuchteren Norden wäre unterbrochen. Keine Wanderung, kein Wasser, keine grünen Weiden – und damit keine Gnus.

Ein düsteres Szenario, das 27 renommierte Wissenschaftler aus der ganzen Welt nun im Wissenschaftsmagazin Nature entwerfen. Mehr als drei Viertel aller Gnus könnte sterben, wenn Tansania die Trasse tatsächlich wie geplant baut. Die Folgen seien fatal: Das komplexe Ökosystem der Serengeti bräche zusammen, Tiere und Pflanzen würden verenden, Buschbrände hätten leichtes Spiel. Der Aufruf ist unmissverständlich: Die Serengeti stirbt, wird der Bau nicht aufgehalten.

Doch wie kann eine rund 50 Kilometer lange Straße durch ein Gebiet so groß wie die Schweiz solche Folgen haben? Sollte es Antilopen, Gnus und Zebras nicht leicht fallen, sie einfach zu überqueren? Die Gegner des Baus fürchten, dass umso mehr Lastwagen die Route befahren, desto mehr Wildtiere fallen ihnen zum Opfer. "Zwangsläufig müssten Zäune links und rechts der Straße gebaut werden", sagt Christof Schenck, der Geschäftsführer der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt (ZGF).

Genau hier liegt das Problem. Die geplante Fernstraße kappt so die überlebenswichtige Verbindung von 1,5 Millionen Gnus und Zebras in den Norden. Von Dezember bis Juni halten sich die Tiere im Süden auf, in der Vulkanebene des Ngorongoro-Kraters. Wenn die Regenfälle nachlassen, wandern die Wildtiere über den Westen in den Norden. Die Ngorongoro-Ebene ist dann nur noch eine karge Halbwüste. Nur wenn die riesigen Herden in den fruchtbaren Norden wandern, können sie überleben. Denn dort halten die Felsen des Rift-Valleys die letzten Regentropfen selbst in den trockenen Monaten auf.

Warum aber will die tansanische Regierung überhaupt eine Straße mitten durch den Naturpark bauen? "In erster Linie möchte Präsident Kikwete ein Wahlversprechen von 2005 einlösen", sagt Schenck. Im Oktober sind erneut Wahlen in Tansania. Vor allem Menschen im Norden und Osten des Landes soll der Bau der Straße zu Gute kommen. Offenbar will der amtierende Präsident ihre Gunst nicht verlieren.