Nur das Meer weiß, wo das Gift lauert. Nach der Explosion auf der Öl-Bohrplattform Deepwater Horizon im April ergoss sich 85 Tage lang Öl aus der Macondo-Quelle unaufhaltsam ins Meer. Tausende Helfer heuerte der britische Konzern BP an, um die Spuren zu beseitigen. Die braune Brühe wurde an der Oberfläche abgefackelt, mit Lösungsmitteln versetzt , abgepumpt oder in Klumpen von den Stränden geräumt. Doch wie viel Öl noch unter Wasser umhertreibt, ist strittig.

Nun sagte der Meeresbiologe Ian MacDonald von der Florida State University vor einer eigens eingesetzten Untersuchungskommission: Die Hälfte des Öls ist noch da. Ein zäher, toxischer Film bedecke den Grund des Golfs von Mexiko – bis heute.

MacDonald widerspricht den offiziellen Angaben der US-Meeresbehörde Noaa . Die hatte Anfang August mit einem Bericht Erstaunen ausgelöst : 74 Prozent der geschätzten 700 bis 850 Millionen Liter Rohöl seien entsorgt oder hätten sich im Wasser aufgelöst. Nicht einmal drei Wochen, nachdem BP-Ingenieure ihre Ölquelle abgedichtet hatten, war die Katastrophe offiziell so gut wie überstanden. Die Noaa verwies lediglich auf mögliche Langzeitfolgen.

Steine und Sand hätten tonnenweise giftige Ölreste überlagert, sagt MacDonald nun. "Das verbliebene Öl ist ein Material, das sich kaum löst." Zudem gebe es nur spärliche Belege, dass ölfressende Bakterien die schmierigen Ablagerungen vertilgen würden.

Auch die Meeresbiologin Samantha Joye von der Universität von Georgia glaubt nicht, dass das Öl verschwunden ist. Vielmehr sei es nur gesunken. Sie fuhr mit Kollegen aufs Meer, um eigene Proben zu sammeln und entdeckte am Meeresgrund nicht nur zentimeterdicke Ölschichten. An einigen Stellen seien zerstäubte Tröpfchen wie Schneeflocken auf den Boden gesunken. Das Öl habe bereits Mikroorganismen und Kleinstlebewesen umhüllt.

Doch stammt dieses Gemisch aus Kohlenwasserstoffen überhaupt von der havarierten Ölplattform? Der Meeresboden im Golf von Mexiko ist von Natur aus mit Löchern übersät, aus denen Öl ins Meer wabert. Tausende verlassene Ölquellen liegen zudem brach, ohne dass sie in den vergangenen Jahrzehnten überprüft worden sind.

Samantha Joye und ihre Kollegen sind sich sicher, dass die verklebten Schlickablagerungen keineswegs von natürlichen Öladern stammen. "Dann wären die kompletten Sedimentsproben in Öl getränkt", sagt die Meeresforscherin. Doch die Proben zeigen Ölflocken etwa 30 Kilometer von der gesunkenen Bohrinsel entfernt.

Bitte klicken Sie auf das Bild, um zum interaktiven Rückblick der Katastrophe im Golf von Mexiko zu gelangen © ZEIT ONLINE

Seit dem 15. Juli ist das von BP angezapfte Macondo-Reservoir dicht, die Suche nach ausgeströmtem Öl erbrachte widersprüchliche Ergebnisse. In den Wochen und Monaten nach der Explosion der Bohrinsel hatten verschiedene Forscherteams Zehntausende Proben gesammelt.

Noch Ende Juni entdeckten Richard Camilli und seine Kollegen vom Woods-Hole-Meeresforschungsinstitut nahe der lecken Quelle eine 35 Kilometer lange Ölwolke in 1100 Metern Tiefe. Ihre Studie veröffentlichten sie im Magazin Science . Camillis Team fahndete auch nach Mikroorganismen, die Öl verdauen würden. Einige Bakterienarten können Kohlenwasserstoffe abbauen. Die Hauptbestandteile von Erdöl verlieren so rasch ihre Giftigkeit und lösen sich auf. Camilli konnte allerdings keinen nennenswerten Zuwachs der kleinen Ölfresser messen – das schwarze Gift bleibe im Meer.