"Deutschland sollte weitere Atomkraftwerke bauen"

ZEIT ONLINE : Herr Moore, die Atomindustrie freut sich sicher, so jemanden wie Sie auf ihrer Seite zu wissen. Sind Sie ein Lobbyist?

Patrick Moore : Nein. In erster Linie bin ich Wissenschaftler und Umweltschützer. Dann bin ich Aktivist, schon mein ganzes Leben lang. Ich bin kein Lobbyist, anders vielleicht als die Mitglieder des deutschen Atomforums. Vor vier Jahren habe ich in Aachen auf einer Veranstaltung gesprochen. Damals fürchtete die deutsche Atomindustrie noch, das finstere Mittelalter sei zurück. Deutschland betrieb die unfähigste Energiepolitik aller Industriestaaten. Doch nun hat die schwarz-gelbe Koalition richtig entschieden, die deutschen Atomkraftwerke länger laufen zu lassen.

ZEIT ONLINE : Die Mehrheit der Deutschen und auch die Opposition sind gegen längere Laufzeiten ...

Moore : Gerade deswegen war es mutig diese Entscheidung zu treffen. Ich bin froh, Politiker zu sehen, die eine Führungsrolle übernehmen ohne der Masse zu folgen. Mich freut es sehr, dass die extrem unvernünftige Politik der Grünen endlich ein Ende hat. Die Atomkraftwerke abschalten zu wollen, ist nicht nur unverantwortlich, wenn man sich die Energieversorgung anschaut. Auch was die Senkung der Kohlenstoffdioxidemissionen angeht, ist es falsch.

ZEIT ONLINE : Letzteres soll mit den erneuerbaren Energien erreicht werden.

Moore : Deutschland hat bereits Milliarden für Wind- und Solarkraft verschwendet. Gelohnt hat es sich kaum. Ganz im Gegenteil: Ich habe die Diagramme zur Leistungsfähigkeit der deutschen Windenergie gesehen. An einem Tag hat man 12.000 Megawatt Strom, am nächsten fast nichts. Deswegen braucht man für jede Wind- oder Solarfarm ein Gaskraftwerk, um sicherzustellen, dass auch dann Elektrizität produziert wird, wenn der Wind mal nicht weht und die Sonne nicht scheint. So macht sich Deutschland noch abhängiger vom Gas aus Russland. Deutschland ist ein reiches Land und kann es sich offenbar leisten, Geld aus dem Fenster zu werfen. In Spanien sieht das anders aus. Hier geht die Wirtschaft an den erneuerbaren Energien zugrunde. Deswegen hat man sich entschlossen, die Investitionen zu senken.

ZEIT ONLINE : Sie raten also dazu mehr Atomkraftwerke zu bauen?

Moore : Ja. Deutschland ist umgeben von Ländern, die sich entschlossen haben weitere Atomkraftwerke zu bauen. In Finnland entsteht derzeit die größte Anlage der Welt. Schweden will seine Reaktoren nicht nur länger laufen lassen, sondern einst durch neue ersetzen. Es gibt keinen Grund dafür, dass etwa Organisationen wie Greenpeace fordern, alle Atomkraftwerke abzuschalten. Sie sollten sich lieber dafür einsetzen, dass in Deutschland nicht wie geplant neue Kohlekraftwerke entstehen.

"Bei Greenpeace arbeiten wissenschaftliche Analphabeten"

ZEIT ONLINE : Sie waren selbst Mitglied bei Greenpeace, haben die Umweltschutzorganisation sogar mit gegründet. Warum sind sie ausgestiegen?

Moore : Meine Unterschrift steht auf den Gründungsdokumenten von Greenpeace Deutschland. 1981 kam ich als einer von fünf internationalen Direktoren der Organisation nach Hamburg. Ich ahnte damals nicht, was für extreme Positionen Greenpeace einnehmen würde. In den achtziger Jahren kämpften wir erfolgreich vor allem gegen Dioxine und Giftstoffe in Industrie und Umwelt. Allerdings wurde mir in dieser Zeit auch klar, dass ich der einzige im Vorstand war, der eine wissenschaftliche Ausbildung hatte. Schließlich fanden meine Kollegen es eine gute Idee, das Element Chlor weltweit zu verbieten. Ich musste ihnen erst erklären, dass wir dank Chlor sauberes Trinkwasser haben und viele Medikamente auf der Chlorchemie basieren. Chlor ist für die größten Fortschritte im öffentlichen Gesundheitswesen mitverantwortlich. Bei Greenpeace arbeiten wissenschaftliche Analphabeten. Man nutzt Wissenschaft um Positionen zu rechtfertigen, die in Wahrheit jeglicher wissenschaftlicher Grundlage entbehren. Das zeigt sich auch in der Atomenergie.

ZEIT ONLINE : Ein gewichtiges Argument gegen die Atomkraft ist die Sicherheit der Reaktoren. Ein Unfall hätte katastrophale Folgen. Auch deswegen sind praktisch alle Umweltorganisationen gegen die Atomenergie.

Moore : Greenpeace und andere Umweltschutzgruppen schüren die Angst der Menschen. Das ist absurd. Weltweit gibt es mehr als 400 Kernreaktoren, die bis heute in der westlichen Welt niemanden verletzt haben. Es gibt keine sicherere Technologie. Tschernobyl war eine Ausnahme. Hier wurde gespart an allen Enden. Der Reaktor war von vornherein fehlerhaft konzipiert. Der Unfall 1986 spiegelt alle negativen Seiten des kommunistischen Systems wider: Mangelnde Sorge um menschliches Leben, schlechte Sicherheitsmaßnahmen, falsche Entscheidungshierarchien. Kaum jemand erwähnt die 75 Arbeiter, die bei dem Unfall vergangenes Jahr im größten Wasserkraftwerk Russlands starben. Erst kürzlich hat eine Gasexplosion in einem Kraftwerk in den USA sechs Menschen getötet. Jedes Jahr sterben an die 5000 Menschen in Kohlebergwerken und unter Tage. Niemand ist in der jüngeren Vergangenheit in der Atomindustrie gestorben.

ZEIT ONLINE : Wenn die Atomkraft so sicher ist wie Sie sagen, warum gibt es bis heute kein Endlager für atomaren Müll ?

Moore : Das stimmt so nicht. Zunächst einmal ist es irreführend Kernbrennstoffe als Müll zu bezeichnen. Derzeit werden sie bereits sicher gelagert in starken Containern. Der Beleg dafür ist, dass niemand darunter leidet. Der sogenannte Atommüll ist eines unserer wichtigsten Energieressourcen der Zukunft. In Frankreich werden Brennstoffe bereits wiederverwertet. Es ist schlicht gelogen, zu behaupten, man wisse nicht wohin damit. Die Japaner haben gerade für 30 Milliarden Dollar eine Anlage errichtet, die benutzte Brennstäbe wieder aufbereitet. Eines Tages werden wir mit neuen Methoden das komplette Uran für die Atomkraft nutzen können, heute sind es gerade einmal ein Prozent. Wir müssen auf Recycling setzen.

"Letztlich muss es darauf hinauslaufen, die fossilen Energieträger zu reduzieren"

ZEIT ONLINE : Wie stellen Sie sich denn die Zukunft unserer Energieversorgung vor?

Moore : Letztlich muss es darauf hinauslaufen, die fossilen Energieträger zu reduzieren. Nicht nur wegen der Folgen für den Klimawandel, sondern auch für den Umweltschutz. Das Verbrennen von Kohle, Öl und Gas verschmutzt nicht nur die Luft, sondern ist auch eine der größten Gesundheitsgefahren. Schließlich geht es noch um Energiesicherheit und geopolitische Gründe. Die USA sind vom Mittleren Osten abhängig, was Kraftstoffe für den Verkehr angeht. Westeuropa hängt an Russlands Gasvorkommen. Die Atomenergie könnte die Lösung sein. Sie liefert den Strom etwa für Erdwärmepumpen, die unsere Gebäude heizen und kühlen ohne dass fossile Energieträger verbraucht werden müssten. Schließlich könnte man Atomstrom nutzen, um die Batterien für künftige Elektroautos zu laden. Wenn das alles zusammen greift, sinkt der Anteil der fossilen Brennstoffe um mindestens 50 Prozent.

ZEIT ONLINE : Das bedeutet, Sie sehen keinerlei Alternativen zur Atomenergie?

Moore : Erneuerbare Energien wie Wind und Solarkraft werden niemals eine Alternative sein. Zumindest nicht zu beständig Strom liefernden Kohle- oder Atomkraftwerken. Eine Option sind  noch Wasserkraftwerke. In Kanada stammen rund 60 Prozent der Energie aus Wasserkraft, in der Schweiz ist es sogar noch etwas mehr. Das Problem ist aber, dass Wasserkraftwerke nur in bestimmten Regionen sinnvoll sind. Das hängt vom Niederschlag und der Topografie ab. Ohne Atomkraft geht es letztlich nicht. In Europa haben Frankreich, Schweden und die Schweiz dank ihres Energiemix vor allem aus Atomstrom und Wasserkraft den niedrigsten CO 2 -Ausstoß pro Kopf. Die höchsten Emissionen produzieren England, Deutschland, Polen und Dänemark. Diese Länder sollten anfangen, neue Atomkraftwerke zu bauen.