ZEIT ONLINE : Sie waren selbst Mitglied bei Greenpeace, haben die Umweltschutzorganisation sogar mit gegründet. Warum sind sie ausgestiegen?

Moore : Meine Unterschrift steht auf den Gründungsdokumenten von Greenpeace Deutschland. 1981 kam ich als einer von fünf internationalen Direktoren der Organisation nach Hamburg. Ich ahnte damals nicht, was für extreme Positionen Greenpeace einnehmen würde. In den achtziger Jahren kämpften wir erfolgreich vor allem gegen Dioxine und Giftstoffe in Industrie und Umwelt. Allerdings wurde mir in dieser Zeit auch klar, dass ich der einzige im Vorstand war, der eine wissenschaftliche Ausbildung hatte. Schließlich fanden meine Kollegen es eine gute Idee, das Element Chlor weltweit zu verbieten. Ich musste ihnen erst erklären, dass wir dank Chlor sauberes Trinkwasser haben und viele Medikamente auf der Chlorchemie basieren. Chlor ist für die größten Fortschritte im öffentlichen Gesundheitswesen mitverantwortlich. Bei Greenpeace arbeiten wissenschaftliche Analphabeten. Man nutzt Wissenschaft um Positionen zu rechtfertigen, die in Wahrheit jeglicher wissenschaftlicher Grundlage entbehren. Das zeigt sich auch in der Atomenergie.

ZEIT ONLINE : Ein gewichtiges Argument gegen die Atomkraft ist die Sicherheit der Reaktoren. Ein Unfall hätte katastrophale Folgen. Auch deswegen sind praktisch alle Umweltorganisationen gegen die Atomenergie.

Moore : Greenpeace und andere Umweltschutzgruppen schüren die Angst der Menschen. Das ist absurd. Weltweit gibt es mehr als 400 Kernreaktoren, die bis heute in der westlichen Welt niemanden verletzt haben. Es gibt keine sicherere Technologie. Tschernobyl war eine Ausnahme. Hier wurde gespart an allen Enden. Der Reaktor war von vornherein fehlerhaft konzipiert. Der Unfall 1986 spiegelt alle negativen Seiten des kommunistischen Systems wider: Mangelnde Sorge um menschliches Leben, schlechte Sicherheitsmaßnahmen, falsche Entscheidungshierarchien. Kaum jemand erwähnt die 75 Arbeiter, die bei dem Unfall vergangenes Jahr im größten Wasserkraftwerk Russlands starben. Erst kürzlich hat eine Gasexplosion in einem Kraftwerk in den USA sechs Menschen getötet. Jedes Jahr sterben an die 5000 Menschen in Kohlebergwerken und unter Tage. Niemand ist in der jüngeren Vergangenheit in der Atomindustrie gestorben.

ZEIT ONLINE : Wenn die Atomkraft so sicher ist wie Sie sagen, warum gibt es bis heute kein Endlager für atomaren Müll ?

Moore : Das stimmt so nicht. Zunächst einmal ist es irreführend Kernbrennstoffe als Müll zu bezeichnen. Derzeit werden sie bereits sicher gelagert in starken Containern. Der Beleg dafür ist, dass niemand darunter leidet. Der sogenannte Atommüll ist eines unserer wichtigsten Energieressourcen der Zukunft. In Frankreich werden Brennstoffe bereits wiederverwertet. Es ist schlicht gelogen, zu behaupten, man wisse nicht wohin damit. Die Japaner haben gerade für 30 Milliarden Dollar eine Anlage errichtet, die benutzte Brennstäbe wieder aufbereitet. Eines Tages werden wir mit neuen Methoden das komplette Uran für die Atomkraft nutzen können, heute sind es gerade einmal ein Prozent. Wir müssen auf Recycling setzen.