Die Meldung liest sich, als sei sie nicht neu. Wieder schmilzt das Eis am Nordpol schneller als gedacht – Polarforscher sehen darin einen der eklatantesten Beweise für den Klimawandel. Jetzt präsentierten Klimaforscher in Bremerhaven neue Berechnungen zur arktischen Eisschmelze. Und wieder ist das Ergebnis: Das Polareis verschwindet schneller als es die Wissenschaft bisher vorhergesagt hatte.

Auch in diesem Jahr ist die arktische Eisdecke wieder stark geschmolzen. Sowohl die Nordost- als auch die Nordwestpassage sind gleichzeitig so gut wie eisfrei. Fast um den gesamten Nordpol herum ist Schiffsverkehr möglich. "Von einer Erholung der Eisdecke kann keine Rede sein", sagt Lars Kaleschke vom Hamburger Klimacampus, als er seine jüngste Satellitenbild-Auswertung vorstellt.

Gegenüber dem bislang stärksten Rückgang auf 4,2 Millionen Quadratkilometer im Jahr 2007 hatte sich die Eisdecke in den vergangenen beiden Jahren zwar wieder vergrößert. Doch erreicht sie in diesem Jahr mit 4,9 Millionen Quadratkilometern nur noch den drittkleinsten jemals gemessenen Wert. Im Durchschnitt der letzten 40 Jahre lag die Ausdehnung des Eises im Monat September mit 6,7 Millionen Quadratkilometern fast 40 Prozent höher.

Im langfristigen Trend büßt die sommerliche Eisdecke der Arktis in jedem Jahrzehnt rund acht Prozent ihrer Fläche ein. In fünf der letzten sechs Jahre schmolz sie sogar noch stärker. "Die Abnahme hat sich beschleunigt", sagt Kaleschke. "Und das, obwohl die Sonneneinstrahlung aufgrund einer Verschiebung der Erdachse sogar leicht sinkt."

An einem Zusammenhang mit dem wachsenden Ausstoß von Treibhausgasen bestehe kein Zweifel. "Nirgendwo kann man den Klimawandel mit bloßem Auge so direkt sehen wie auf den Satellitenbildern der polaren Eisdecke", sagt Rüdiger Gerdes, der am Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI) für die Auswertung von Klimamodellen zuständig ist. Seit vier Jahren schrumpfe das arktische Meereis im Sommer sogar weit stärker als alle Modelle des Weltklimarats (IPCC ) vorhergesagt hätten. "An diesen Modellen besteht mit Sicherheit Verbesserungsbedarf", sagt Gerdes. Der IPCC war wegen Fehlern in seinen Berichten stark in die Kritik geraten.

Simulation der Forscher vom Hamburger Klimacampus: Die schrumpfende Eisdecke in der Arktis von 2000 bis 2009. Die Daten basieren auf Satellitenbilder

Neben dem Treibhauseffekt sieht der AWI-Meereswissenschaftler noch einen zweiten Grund für die derzeitige Häufung der Schmelzrekorde. Die atlantische multidekadische Oszillation (AMO) befindet sich seit mehr als zehn Jahren in einer Warmphase. Derzeit habe sie offenbar ihr Maximum erreicht. Die Wassertemperatur liege rund 0,5 Grad höher als der Durchschnitt. "Beide Effekte – die langfristige natürliche Klimavariabilität und der Einfluss des Menschen – spielen eine vergleichbar große Rolle", sagt Gerdes.

Noch vor dem Jahr 2100 sei damit zu rechnen, dass das arktische Eis im Sommer bis auf kleine Reste nördlich von Grönland zusammenschmilzt. Ab wann es genau dazu kommen werde, hänge vor allem davon ab, wie schnell die AMO von ihrem derzeitigen Temperaturmaximum wieder in eine kalte Phase zurückkehrt.

Genaue Prognosen sind dazu bisher nicht möglich. "Kühlt sich das Wasser in den nächsten Jahren relativ schnell ab, wird auch die sommerliche Eisdecke wieder anwachsen", sagt Gerdes. Ziehe sich die Abkühlung dagegen noch um ein weiteres Jahrzehnt hin, schrumpfe das Eis im Sommer womöglich trotzdem weiter.

Das Eis wird dünner – und das beschleunigt die Schmelze

Der Grund dafür liegt in der Eisdicke. Während der letzten Warmperiode der AMO vor rund 70 Jahren wurde das polare Meereis im Winter noch an den meisten Stellen so dick, dass es auch in einem warmen Sommer nicht vollständig schmelzen konnte. "Mittlerweile hat die Eismasse diesen kritischen Punkt teilweise unterschritten", sagt Gerdes. Statt der früher üblichen dreieinhalb Meter sei es heute häufig nur noch weniger als zwei Meter dick. Breite Risse und Wasserlachen sind sogar aus dem All zu erkennen. "Manche Kollegen sprechen bereits von morschem Eis", sagt Kaleschke. Eisgängige Schiffe könnten es problemlos auseinander schieben.

Im Unterschied zur Ausdehnung der Gesamtfläche, die sich auf Satellitenbildern recht klar erkennen lässt, ist die Datenlage für die Dicke des Eises ausgesprochen dürftig. Erst seit den siebziger Jahren wurde sie systematisch vor allem von sowjetischen U-Booten bestimmt, ein Teil dieser Messungen ist jedoch bis heute unter Verschluss.

Sechs Jahre lang hat die US-Raumfahrtbehörde Nasa zudem Mikrowellen-Messungen mit ihrem Ice-Sat genannten Satelliten durchgeführt. 2009 erreichte dieser jedoch sein Lebensende und ist im August 2010 bei einem kontrollierten Wiedereintritt in die Atmosphäre verglüht.

Eigentlich sollte der europäische Cryosat die Eisdicke-Messungen nahtlos und sehr viel genauer fortsetzen. Doch war der erste Start 2005 gescheitert. Ein Neubau ist seit April im All, liefert bisher aber nur Testdaten.

Alle Schätzungen zum Volumen des arktischen Eispanzers stützen sich deshalb auf Modellrechnungen. Um durchschnittlich 110 Kubikkilometer pro Jahr sei die polare Eismenge seit dem Jahr 1900 zusammengeschmolzen, vermutet Gerdes. Das ist ein Verlust von 40 Prozent. Ganz verschwinden werde das Eis aber nicht. "Im Winter gibt es am Pol keine Sonneneinstrahlung, da wird das Meer auch in Zukunft zufrieren."

Ein Video des Datenzentrums für Schnee und Eis (NSIDC) der Universität Colorado zeigt das arktische Eis von 1979 bis 2009