Der Grund dafür liegt in der Eisdicke. Während der letzten Warmperiode der AMO vor rund 70 Jahren wurde das polare Meereis im Winter noch an den meisten Stellen so dick, dass es auch in einem warmen Sommer nicht vollständig schmelzen konnte. "Mittlerweile hat die Eismasse diesen kritischen Punkt teilweise unterschritten", sagt Gerdes. Statt der früher üblichen dreieinhalb Meter sei es heute häufig nur noch weniger als zwei Meter dick. Breite Risse und Wasserlachen sind sogar aus dem All zu erkennen. "Manche Kollegen sprechen bereits von morschem Eis", sagt Kaleschke. Eisgängige Schiffe könnten es problemlos auseinander schieben.

Im Unterschied zur Ausdehnung der Gesamtfläche, die sich auf Satellitenbildern recht klar erkennen lässt, ist die Datenlage für die Dicke des Eises ausgesprochen dürftig. Erst seit den siebziger Jahren wurde sie systematisch vor allem von sowjetischen U-Booten bestimmt, ein Teil dieser Messungen ist jedoch bis heute unter Verschluss.

Sechs Jahre lang hat die US-Raumfahrtbehörde Nasa zudem Mikrowellen-Messungen mit ihrem Ice-Sat genannten Satelliten durchgeführt. 2009 erreichte dieser jedoch sein Lebensende und ist im August 2010 bei einem kontrollierten Wiedereintritt in die Atmosphäre verglüht.

Eigentlich sollte der europäische Cryosat die Eisdicke-Messungen nahtlos und sehr viel genauer fortsetzen. Doch war der erste Start 2005 gescheitert. Ein Neubau ist seit April im All, liefert bisher aber nur Testdaten.

Alle Schätzungen zum Volumen des arktischen Eispanzers stützen sich deshalb auf Modellrechnungen. Um durchschnittlich 110 Kubikkilometer pro Jahr sei die polare Eismenge seit dem Jahr 1900 zusammengeschmolzen, vermutet Gerdes. Das ist ein Verlust von 40 Prozent. Ganz verschwinden werde das Eis aber nicht. "Im Winter gibt es am Pol keine Sonneneinstrahlung, da wird das Meer auch in Zukunft zufrieren."

Ein Video des Datenzentrums für Schnee und Eis (NSIDC) der Universität Colorado zeigt das arktische Eis von 1979 bis 2009