Das 234-Einwohner-Dorf Point Lay im US-Bundesstaat Alaska erlebt derzeit eine außergewöhnliche Invasion: Tausende Walrosse haben sich an der Küstenlinie in der Nähe des Ortes versammelt. "Ich lebe jetzt schon 37 Jahre hier. Aber so etwas habe ich noch nicht gesehen", sagte der Chef der örtlichen Feuerwehr, Bill Tracey, der Zeitung Alaska Dispatch . Allerdings sind die Tiere alles andere als freiwillig an Land. Sie sind hierher geflüchtet, weil es in der Beringstraße zwischen Alaska und Russland im Sommer keine Eisschollen mehr gibt

Das Pazifische Walross ( Odobenus rosmarus divergens ) sucht seine Nahrung – Kleintiere wie Muscheln, Schnecken und Krebse – auf dem Meeresboden. Es taucht bis zu 250 Meter tief und nimmt bis zu 50 Kilo am Tag zu sich. Zum Verdauen ruhen sich die Kolosse anschließend auf Eisschollen aus – zumindest taten sie das in der Vergangenheit. Jetzt müssen die Tiere sich zwischen der Nähe zum Futter und einem Platz zum Schlafen entscheiden. 

Die amerikanische Behörde Geological Survey schätzt die Zahl der Riesensäuger, die derzeit Strände am Nordpolarmeer und an der Beringstraße bevölkern, auf wenigstens 10.000 bis 20.000.

Unter der Umstellung dürften vor allem die Jungtiere leiden, die noch nicht so weit schwimmen können. Betroffen sind auch die Mütter. Sie lassen ihren Nachwuchs die ersten zwei Jahre nicht aus den Augen. Gefährdet sind die Jungtiere auch an Land. Walrosse sind schreckhaft. Bricht Panik aus, etwa durch Flugzeuglärm, werden Junge auf der Flucht ins Wasser leicht von den ausgewachsenen Tieren erdrückt. Eine andere Gefahr scheinen Kommunen wie Point Lay bisher gebannt zu haben. Dem Alaska Dispatch zufolge halten sich die Jäger noch an den Appell, die Tiere nicht zu schießen.

Schon 2007 und 2009 hatten sich Walrosse in ihrer Not in die Nähe von Alaskas Zivilisation gewagt. Ihre Anzahl machte jedoch nur einen Bruchteil der Landgänger dieses Sommers aus. Die Einwohner von Point Lay befürchten, dass die Überreste erdrückter Jungtiere weitere Besucher anlocken könnten: Auch Eisbären kämpfen angesichts des schwindenden Polareises ums Überleben und sind auf jeden Bissen angewiesen.