Die Moorlilie hat Loki Schmidt noch mit ausgesucht. Das gelbblühende Gewächs ist die Blume des Jahres 2011 . An dem Tag als die Ehefrau des Altkanzlers Helmut Schmidt starb, wurde die Pflanze gekürt. "Wir wussten es nicht", sagt Axel Jahn von der Loki-Schmidt-Stiftung für Naturschutz. "Ich kam gerade in mein Büro zurück, als ich die Nachricht erhielt, dass Frau Schmidt gestorben ist." Die Laudatio für die Moorlilie und ihre 30 Vorgänger hatte die 91-Jährige schon vorbereitet. Die Blume des Jahres solle "die Menschen immer wieder über den ökologischen Wert der Pflanzenwelt und über die Notwendigkeit des Schutzes aller bedrohten Arten informieren". Das war der Wunsch Loki Schmidts. Bis zuletzt war der Naturschutz ihre Leidenschaft.

"Sie hatte diese unglaubliche Begeisterung, Dinge zu erfassen, zu durchdenken und zu begreifen – eine Lust, die Natur an sich wahrzunehmen", sagt Jahn. Sie habe Zusammenhänge sehr gut erklären können. "Das war ihr als ehemalige Volksschullehrerin wohl gegeben."

Schon von Kindesbeinen an fasziniert sie der Zaubergarten der Natur. "Gerne hätte ich daher Biologie studiert und wäre Forscherin geworden, aber die Studiengebühren konnte ich mir damals nicht leisten. Also wurde ich Volksschullehrerin", schreibt sie in ihrem Naturbuch für Neugierige , das 2010 erschien. Fast 30 Jahre lang lehrt sie Kinder und steckt sie mit ihrem Elan an.

"Als ich mich Mitte der siebziger Jahre für den Schutz gefährdeter Pflanzen einzusetzen begann, da sagten die Leute hinter vorgehaltener Hand: 'Die ist ja ganz lieb. Aber mit ihren Pflanzen hat sie einen Vogel'", erinnerte sich die Botanikerin einmal in der ZEIT . Ihr umfangreiches Wissen über Biologie und Umwelt saugt die Autodidaktin aus Büchern und entdeckt es in der Natur selbst.

Sie reist mit Forschern um die Welt, als ihr Mann ins Kanzleramt in Bonn zieht. Später geht es oft mit Wissenschaftlern der Max-Planck-Gesellschaft auf Expedition. Sie besucht den Nakuru-See in Kenia, staunt über die Artenvielfalt auf Borneo und in den tropischen Wäldern von Ecuador. 1983 entdeckt Schmidt eine bis dahin unbeschriebene Pflanze – am Rande eines Staatsbesuches in Mexiko. Das Ananasgewächs trägt heute ihren Namen: Pitcairnia loki-schmidtiae .

Loki Schmidt, Ehefrau des Altkanzlers Helmut Schmidt, ist gestorben. Leser können sich hier in das Kondolenz-Blog eintragen © Lothar Heidtmann/dpa

Ihr ganz persönlicher "Urwald" liegt am Brahmsee in Schleswig-Holstein. Neben ihrem Ferienhaus kauft das Ehepaar Schmidt Mitte der siebziger Jahre einen brachliegenden Acker von sechseinhalb Hektar Größe: "Den haben wir bewusst völlig sich selbst überlassen. Die Erholungskraft der Natur ist unglaublich." Heute gedeiht hier noch immer ein dichter Birken- und Eichenwald. Die selbst gelernte Pflanzenexpertin dokumentiert das Leben auf ihrem Acker zusammen mit Botanikern der Universität Kiel. "Eine Pionierleistung des wissenschaftlich fundierten Naturschutzes!", würdigt die Deutsche Botanische Gesellschaft Loki Schmidts Brahmsee-Projekt 2002.

Spöttische Bemerkungen über die "Blümchen-Loki" verstummen rasch. 1976 gründet sie in Bonn das Kuratorium zum Schutze gefährdeter Pflanzen. Demonstrativ setzt sie auch die Öffentlichkeit ihres Mannes als Kanzler ein. "Ich habe über den Naturschutz schon vor beinahe 100 Jahren geredet. Wer hat denn auf eine kleine Lehrerin Schmidt aus Hamburg gehört? Keiner. Ich habe den Namen meines Mannes schamlos ausgenutzt."

Autodidaktin mit wissenschaftlicher Kompetenz

Mit Spenden erwirbt sie bedrohte Biotope und bewahrt so deren natürlichen Zustand. "Ich habe immer gepredigt, dass man weder Pflanzen noch Tiere schützen kann, wenn man nicht ihren Lebensraum erhält", sagte Schmidt einmal. Aus dem Kuratorium entsteht später die Loki-Schmidt-Stiftung. Bundesweit gehören ihr rund 240 Hektar Land. "Frau Schmidt kümmerte sich nicht um abstrakte Begriffe wie Nachhaltigkeit oder Klimawandel", erzählt der Geschäftsführer der Stiftung, Axel Jahn. "Ihr ging es in ihrer Arbeit um den effektivsten Naturschutz überhaupt."

Als eine der ersten setzt sich Schmidt auch für den Schutz des genetischen Erbes von Wildpflanzen ein. Doch Erhaltungskulturen und Genbanken außerhalb der Natur stoßen auf den Widerstand einiger Naturschützer. "Als ich 1981 dafür auf einer internationalen Konferenz in Bonn plädierte, habe ich das links und rechts um die Ohren bekommen." Dennoch sammelt sie zusammen mit Botanikern Tausende Pflanzensamen aus verschiedenen Regionen der Welt ein . Was anfangs als exotisches Hobby belächelt wird, ist seit 1992 mit dem Rio-Übereinkommen zur biologischen Vielfalt in Deutschland verpflichtend. Demnach müssen 60 Prozent aller gefährdeten Pflanzenarten in Genbanken eingelagert werden.

1980 kürt Loki Schmidt erstmals die Blume des Jahres. Die Sympathiewerbung wird ihr persönliches Markenzeichen. "Junge Tiere sind süß, das Kindchenschema wirkt bei Pflanzen nicht. Vor allem gibt es bei ihnen nicht das, was viele heute so schätzen, nämlich 'Action'". Umso mehr müsse man sich für sie einsetzen. Schmidts Engagement macht sie endgültig zu Deutschlands First Lady des Naturschutzes.

Doch der resoluten Hamburgerin reicht das nicht. Nach ihrer Zeit im Kanzleramt widmet sie sich verstärkt ihren geliebten Pflanzen. Sie schreibt mehrere Bücher und publiziert drei wissenschaftliche Studien zu ihren Reisen in den Regenwald und nach Afrika. Ihr Bildband Die Botanischen Gärten in Deutschland ist die erste vollständige Übersicht aller Pflanzenarten in diesen Biotopen.

Auch die Fachwelt ist voll des Lobes für Loki Schmidt. In Botanikerkreisen gilt die Autodidaktin als Kollegin mit erstaunlicher wissenschaftlicher Kompetenz. 1986 knüpft sie ein internationales Netzwerk botanischer Gärten. 1982 erhält sie die renommierte Alexander-von-Humboldt-Medaille in Gold, die Akademie der Wissenschaften in St. Petersburg verleiht ihr die Ehrendoktorwürde. 1999 zeichnet die Stadt Hamburg sie mit dem Titel Professorin aus, es folgen die Ehrendoktorwürde der Universität und die Ehrenbürgerschaft der Hansestadt.

Axel Jahn hat Loki Schmidt gut gekannt. "Sie war eine sehr kluge und eigenwillige Frau, die stets für die gute Sache zu gewinnen war." Langweilig wurde es mit ihr nie. "Sie hatte einen tollen Witz", sagt Jahn. Sie galt nicht nur als Deutschlands bekannteste Naturschützerin, "sie verkörperte es auch. Jeden Tag".