Trotz Schutzmaßnahmen hat der bei einem Unfall in einer ungarischen Aluminiumfabrik ausgelaufene Giftschlamm inzwischen einen Seitenarm der Donau erreicht. Die Wasserbehörde habe bei Messungen am Zusammenfluss von Raab und Donau einen leicht erhöhten Laugengehalt festgestellt, sagte Jozsef Toth von der Wasserbehörde. Das Ökosystem des zweitlängsten Flusses Europas sei gefährdet. Bei den Messungen seien pH-Werte zwischen 8,96 und 9,07 festgestellt worden. Normalerweise habe das Wasser einen pH-Wert von acht.

 Der örtliche Katastrophenschutz bestätigte, dass sich das Gift auf dem Wasserweg ausbreitete. Die "sehr hohen alkalischen Werte haben alles zerstört", sagte der Leiter des Katastrophenschutzes, Tibor Dobson, der Nachrichtenagentur MTI. "Alle Fische sind tot und wir konnten auch die Vegetation nicht retten." Es sei versucht worden, den Laugengehalt durch die Zugabe von Säure und Gips in den Fluss zu verringern, sagte Dobson. "Aber es war umsonst." Nun sei das Ziel, den pH-Wert in den Flüssen Raab und Donau unter den Wert von neun zu bekommen, damit die dortigen Ökosysteme geschützt würden.

Der ungarische Ministerpräsident Victor Orban sprach bei seinem Besuch im dem besonders stark betroffen Dorf Kolontar von einer noch nie da gewesenen ökologischen Katastrophe in Ungarn. "Es ist schwierig, die richtigen Worte zu finden. Wäre dies bei Nacht passiert, wären nun alle tot", sagte er. Zugleich bekräftigte er seine Einschätzung, hinter dem Unglück stehe menschliches Versagen. Die Umweltorganisation WWF gab dem Betreiber des Werks die Schuld an der Katastrophe . Auch die Europäische Union (EU) stehe in der Pflicht, da die Sicherheitsstandards für die Abfallentsorgung in der Bergbau-Industrie viel zu niedrig seien.

Orban geht davon aus, dass der Wiederaufbau der am stärksten verwüsteten Teile von Kolontar vermutlich schwierig sein werde. Er habe den Eindruck, dass jede Bemühung umsonst sein werde, sagte Orban. "Wahrscheinlich muss ein neuer Ort für die Bewohner gefunden werden, denn hier zu leben ist unmöglich."

Am Montag war aus einem Auffangbecken in einer Aluminiumfabrik in Ajka, 165 Kilometer westlich der ungarischen Hauptstadt Budapest, hochgiftiger roter Schlamm ausgelaufen, ein Abfallprodukt der Aluminiumproduktion. Etwa 1,1 Millionen Kubikmeter Giftschlamm breiteten sich in den umliegenden Dörfern aus. Vier Menschen kamen ums Leben, darunter ein Kleinkind, mehr als 120 weitere wurden verletzt. Drei Menschen werden noch immer vermisst. Die ungarische Regierung hatte am Mittwoch gesagt, die Reinigungsarbeiten könnten bis zu einem Jahr dauern.

Der Eigentümer der Fabrik sowie des Auffangbeckens sagte, es habe keine Anzeichen für die bevorstehende Katastrophe gegeben. Bei einer Inspektion am Montag sei kein Defekt gefunden worden. Nach den Vorstellungen der Eigner soll die Fabrik am Wochenende mit einem neuen Auffangbecken die Produktion wieder aufnehmen. Sollte die Fabrik geschlossen werden müssen, würden 3000 Stellen wegfallen, sagte ein Manager des Aluminiumkonzerns.