Rund zwei Meter lang, bis zu 700 Kilogramm schwer und Hunderte Millionen Jahre alt: Die Lederschildkröte (Dermochely coriacea) ist die größte, lebende Schildkröte der Erde. Seit Urzeiten bevölkern diese Giganten die Weltmeere und legen auf ihren Reisen von den tropischen und subtropischen Brutgebieten bis in die reichen Nahrungsgründe Tausende von Kilometern zurück.

Bisher ist über die Reiseroute, das Wanderverhalten und über die genaue Gefährdungslage der bedrohten Tiere wenig bekannt. Wissenschaftler vom Zentrum für Ökologie und Artenschutz im britischen Cornwall haben nun zusammen mit Biologen der Universität Exeter 25 an Afrikas Küste heimische Lederschildkröten mit Peilsendern versehen. Fünf Jahre lang haben sie die Tiere auf ihrer Reise durch die Ozeane verfolgt. Veröffentlicht haben die Forscher ihre Ergebnisse im Magazin Proceedings of the Royal Society B .

"Wir konnten dabei drei klare Routen ausmachen, die die Reptilien auf ihrer Rückreise aus den Brutgebieten in Gabun in die Nahrungsgründe nehmen", sagt Matthew Witt, Meeresbiologe an der Universität Exeter. Eine dieser Unterwasserstraßen führte über 7563 Kilometer einmal quer durch den Südatlantik von Afrika bis nach Südamerika. Lederschildkröten ernähren sich von Quallen. Deren Nesseln sind für andere Meeresbewohner giftig. Stacheln in der Speiseröhre ermöglichen es den Reptilien, die glibberig-zähe Beute zu zerkleinern. Auf der Suche nach Quallenschwärmen verbringen die Lederschildkröten zwei bis fünf Jahre auf Hochsee. Danach machen sie sich auf die Heimreise zu den Brutstätten.

Lederschildkröten sind enorm anpassungsfähig. Obwohl sie als Reptilien wechselwarm sind, können sie ihre Körpertemperatur fast 20 Grad über der Wassertemperatur halten. Auch deshalb haben sie sich fast die gesamten Weltmeere erobert. Selbst im kühlen Wasser vor Schottland oder an den Küsten Kanadas fanden Fischer Exemplare. Um ihre Eier abzulegen, gehen die Weibchen an tropischen Stränden an Land. Dort graben sie kleine Nester für ihr Gelege aus bis zu 100 Eiern. Mehr als 60 dieser Brutstätten sind weltweit bekannt – im tropischen Atlantik, im Indischen Ozean und im Pazifik. Die geschlüpften Jungen kehren dann ins Meer zurück.

Zwar kann die Studie der britischen Forscher nur erste Anhaltspunkte geben, weil die Zahl der untersuchten Tiere gering ist.  Doch das Wissen darüber, wo die Lederschildkröten auf ihren Wanderungen vorbeikommen, hilft Experten, die Tiere besser zu schützen. Das ist dringend nötig: Im Pazifik sank der Bestand zwischen 1982 und 1998 dramatisch. Warum dies geschah, ist nicht bekannt. Eine Erklärung lautet, dass Lederschildkröten sich regelmäßig in Fischernetzen und Langleinen verfangen. Auch ersticken sie oft an im Meer treibenden Plastiktüten oder sterben bei Unfällen mit Schiffen. Aus den Eiern, die in ihren Sandnestern unter der Tropensonne von allein ausgebrütet werden, schlüpfen nur wenige Jungtiere. Viele der Gelege fallen Raubvögeln und anderen Fraßfeinden zum Opfer. Auch Menschen haben die Schildkröteneier für sich als Delikatesse entdeckt.

Ob auch die Population im Atlantischen Ozean sinkt, konnten Forscher bisher nicht ermitteln. "Alle Routen, die wir erfasst haben, führen die Lederschildkröten durch Gebiete, in denen sie den Gefahren der Fischerei ausgesetzt sind", sagte der Biologe Brendon Godley von der Uni Exeter. Dabei kreuzen die Tiere die Staatsgebiete elf verschiedener Länder. Die Wissenschaftler hoffen, dass durch ihre Ergebnisse in Zukunft ein besserer Schutz der Meeresgiganten auch auf hoher See möglich wird. An vielen Stränden gibt es bereits Schutzmaßnahmen .