Den ganzen Sommer haben sie durchgearbeitet. Tag für Tag, Nacht für Nacht. Urlaub gab es nicht. Denn das Öl vor der Küste machte keine Pause. Immer wieder kamen neue Tiere in die Schildkröten-Auffangstation, etwa 30 Autominuten südöstlich von New Orleans im US-Bundesstaat Louisiana. Sie waren geschwächt, das Öl hatte ihre Körper angegriffen und ihr Verdauungssystem zerstört. Mehr als 200 Tiere waren es.

Seither ist es im Audubon Aquatic Center ruhig geworden. Von der Hektik der vergangenen Monate ist nichts mehr übrig. Viele der 20 Mitarbeiter haben frei, nur die Maschinen sind zu hören, die den Sauerstoff in die wenigen Becken pumpen, in denen noch Schildkröten schwimmen. "Das sind die Schlimmsten der Schlimmsten", sagt Meghan Calhoun, die Pressesprecherin des Zentrums. Die 30 Tiere, die noch hier sind, werden den Winter über bleiben. Wenn sie stark genug sind, werden auch sie in die Freiheit entlassen. "Wir sind verhalten optimistisch, dass wir keine weiteren Tiere aufnehmen müssen", sagt Calhoun. Auch die Mitarbeiter des Bird Rehabilitation Center aus Hammond, nördlich von New Orleans, haben ihre Zelte inzwischen abgebaut. Den Sommer über haben sie an der Küste Pelikane und Seevögel gesäubert, aufgepäppelt und ans Meer zurückgebracht. Nur ein Notdienst ist noch am Ort.

Fast acht Monate nach der Explosion der Ölbohrinsel Deepwater Horizon scheint die Normalität in die Küstenstaaten im Süden zurückzukehren. Vom Öl ist kaum noch etwas zu sehen. Die Spuren der Katastrophe hat der Energiekonzern BP buchstäblich aufgelöst: Millionen Liter Chemikalien, vor allem das toxische Corexit, zerstäubten den braunen Teppich in zum Teil winzige Tröpfchen. Seit August ist das Leck am Meeresgrund gestopft, Ölbestandteile sanken auf den Meeresgrund oder wabern noch immer unsichtbar im Wasser

Bitte klicken Sie auf das Bild, um zum interaktiven Rückblick der Katastrophe im Golf von Mexiko zu gelangen © ZEIT ONLINE

"Viele der Auswirkungen sind einfach auf den ersten Blick nicht zu sehen", sagt Chuck Fisher, Meeresbiologe an der Pennsylvania State University. Er und andere Forscher sind sich einig, dass Öl und Chemikalien dem Ökosystem weiterhin schaden. Viele Umweltgruppen weisen darauf hin, dass die hochgiftigen Lösungsmittel für die Lebewesen im Meer oft genauso gefährlich wie das Öl selbst seien. Chuck Fisher untersucht seit Jahren die Korallenbestände im Golf von Mexiko. Anfang November hatten er und sein Team rund elf Kilometer vom Unglücksort entfernt das erste Mal tote Korallenriffe entdeckt. Andernorts, etwa in der besonders betroffenen Gemeinde Plaquemines Parish, seien ganze Austernbetten zerstört worden. An der Wasseroberfläche lassen sich die Schäden nicht einmal erahnen. "Ob etwa die Zahl einer Spezies dramatisch abnimmt, Schäden an Larven auftreten oder die Nahrungskette unterbrochen wird, sieht man erst in vielen Jahren", erklärt Fisher. "Die Dinge in der Tiefsee geschehen langsam."

An der Küste sind viele der riesigen Aufräumlager, die BP nach dem 20. April aus dem Boden gestampft hatte, verschwunden. Doch noch immer sind mehr als 11.000 Menschen am Ort – Behörden, Umweltschutzgruppen, Anwohner, Forscher. Sie pumpen restliches Öl ab, testen Fische und Muscheln auf Rückstände. Und sie halten Ausschau nach Wellen, die vereinzelt nicht gelöstes Öl an Land tragen. "Wenn sich die Strömungen ändern, taucht es urplötzlich wieder auf", sagt Brian Roberts vom Louisana Unversities Marine Consortium. Dieses Jahr habe man einfach Glück gehabt, dass es keinen größeren Hurrikan gegeben habe, der die verschluckten Ölmassen erneut aufgeschwemmt habe.