Sie haben lautlos amerikanische Großstädte unterwandert. Versteckt lauern sie in Wohnungen, Hotels, aber auch Modegeschäften. Selbst New Yorks Wahrzeichen, das Empire State Building, haben sie erklommen und außerdem den Broadway eingenommen. Seit Monaten wachen immer mehr Menschen in den Metropolen an der Ostküste mit geröteten und juckenden Quaddeln am ganzen Körper auf. An ihrem Blut hat sich Cimex lectularis gelabt, die gemeine Bettwanze.

Die Parasiten sind zu einer Plage mutiert, die mittlerweile jährlich Hunderte Millionen Dollar in die Kassen der Schädlingsbekämpfer spült. Der niedliche Gute-Nacht-Gruß amerikanischer Eltern gleicht mehr und mehr einem Flehen: " Good night, sleep tight, don't let the bed bugs bite ". Die kaum einen halben Zentimeter großen Insekten sind nicht tot zu kriegen, ihre Populationen sind im vergangenen Jahrzehnt um mehr als 500 Prozent angestiegen. Wurden 2004 allein in New York City noch 537 Beschwerden gemeldet, registrierten die Behörden im vergangenen Jahr fast 12.800 Vorfälle mit Bettwanzen.

"Bettwanzen könnten eine der größten Haushaltsplagen in den USA werden", sagt Omprakash Mittapalli von der Ohio State University in Columbus. Der Insektenkundler hat zusammen mit Kollegen das Erbgut des sechsbeinigen Winzlings untersucht und im Wissenschaftsmagazin PLoS One online veröffentlicht . "Unsere Studie erklärt erstmals den genetischen Aufbau der Insekten", sagt Mittapalli. Ziel sei es herauszufinden, welche Gene und Stoffwechselwege die Wanze vor Giftattacken schützen. Denn gewöhnliche Insektengifte werden der Bettwanze, deren Weibchen bis zu 500 Eier legen, nicht mehr Herr. Wen die Wanze einmal plagt, der wird sie so schnell nicht los.

Ihre rasante Ausbreitung hat drei einfache Gründe, sagt der Insektenforscher Mittapalli. "Der internationale Reiseverkehr, der Austausch verseuchter Möbel und die Verwendung weniger toxischer Insektizide." Nach dem zweiten Weltkrieg wurde Cimex lectularis fast ausgerottet. Dank der nachweislich umweltschädlichen Chemiekeule DDT, einem Insektengift, das die Nahrungskette verseucht und heute verboten ist. "Das Genom der Wanze hatte also schon Begegnungen mit weit gefährlicheren Chemiekalien als jenen, die heute eingesetzt werden", sagt Mittapalli. Vermutlich führte das zu genetischen Veränderungen, die der Wanze heute ihre Überlebensfähigkeit sichern.

"Bislang ist noch kaum bekannt, wie stark bestimmte Enzyme im Stoffwechsel der Wanze die Entgiftung fördern." Eiweiße aus der Gruppe der Cytochrome P450 haben die Forscher dabei in rauen Mengen in den Insekten entdeckt – in allen Stadien der Wanzenentwicklung vom Ei über die Larve bis zum ausgewachsenen Blutsauger. Ähnliche Bausteine kommen auch in der einen oder anderen Form in der menschlichen Leber vor und sind im Stoffwechsel aktiv.

Mehr als 35.000 potenzielle Bettwanzen-Gene haben die Insektenforscher sequenziert. Offenbar ist die Widerstandsfähigkeit der Krabbeltiere keine zufällige Mutation, mutmaßt Mittapalli. Möglicherweise ist die Resistenz zu gängigen Giften wie etwa den Pyrethroiden mit komplexen Umbauten im Erbgut der Wanzen zu erklären. Solch resolute Bettwanzen finden sich auch schon in Deutschland. Umweltbiologen wiesen die Resistenz bei Berliner Bettwanzen nach.