Biologisch betrachtet ist der Mensch nichts anderes als ein großer Affe – zu der Familie gehören Schimpansen, Bonobos, Gorillas und Orang-Utans. Einst hatten all diese Hominiden einen gemeinsamen Vorfahren. Heute, knapp 16 Millionen Jahre später, stehen Evolutionsforscher vor vielen Rätseln. Wie konnten sich aus diesem Ur-Affen so unterschiedliche Arten entwickeln? Warum bildete der Mensch ein so leistungsfähiges Gehirn aus, während Gorillas zu kräftigen aber im Vergleich weniger intelligenten Waldbewohnern wurden? Wie entwickelte sich das erstaunliche Sozialverhalten der Bonobos und wie konnten die friedliebenden Orang-Utans über Jahrmillionen nahezu unverändert fortbestehen, obwohl sie mit durchschnittlich nur drei Nachkommen im Leben eigentlich ständig am Abgrund der Evolution entlang schlittern?

Eines gleich vorweg: Das entzifferte Orang-Utan-Genom, das Forscher diese Woche im Magazin Nature präsentieren, kann diese grundsätzlichen Fragen auch nicht beantworten. "Zwischen dem Genom eines Primaten und den Merkmalen, die heute lebende Menschen und Affen tragen, liegt ein weiter Weg. Da passt einmal die ganze Biologie hinein. Und auf diesem Weg ist das meiste heute noch unverstanden", erläutert Wolfgang Enard vom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig die Ergebnisse des internationalen Forscherteams unter der Leitung von Devin Locke vom Genom-Zentrum der Universität Washington .

Doch es lohnt ein Blick ins Detail der Orang-Utan-Genetik – denn das Erbgut dieser bedrohten Affen, die heute außer in Zoos nur noch auf den Inseln Sumatra und Borneo leben, ist ein wichtiges Puzzleteil, um die Evolution des Menschen zu verstehen.

Inoffiziell war das komplette Orang-Utan-Erbgut bereits seit Juli 2007 bekannt. Online stand es Genetikern zur Verfügung, die es mit anderen Primaten-Genomen von Mensch, Schimpanse und Rhesus-Makake verglichen. Auch das Gorilla-Genom, das in dieser Arbeit nicht einbezogen wurde, ist übrigens bereits entziffert. Die Veröffentlichung in einem Fachblatt steht noch aus.

In Nature präsentieren die Forscher nun also eine erste grobe Version des Genoms eines Sumatra-Orang-Utan-Weibchens. Das Erbgut haben sie dazu nach klassischen Methoden sequenziert und in der richtigen Reihenfolge zusammengesetzt. Darüber hinaus analysierten sie einzelne Genabschnitte von zehn weiteren Orang-Utans, fünf vom Borneo-Typ und fünf aus Sumatra. Dazu verwendeten sie moderne Analyse-Methoden, mit denen kurze Genabschnitte schneller und günstiger ausgewertet werden können.

Das entscheidende Ergebnis: Das Erbgut des Orang-Utans ist träger, zäher und stabiler als das von Mensch, Schimpanse oder Rhesus-Affe. Im Laufe der vergangenen 16 Millionen Jahre haben sich die Affen mit dem rötlichen Fell, die sich inzwischen als einzige unter den großen Affen an ein Leben in Baumwipfeln angepasst haben, in ihrer Genomstruktur weniger verändert als die anderen Primaten. "Weniger Umordnungen von Genabschnitten, weniger Vervielfältigungen desselben Abschnitts und weniger Austausch innerhalb von Gengruppen – all das zeugt von einem relativ stabilen Erbgut", erklärt der Leipziger Genetiker Wolfgang Enard. Auch kleine Erbgutabschnitte, die sich in einem Lebewesen ganz von allein kopieren können – sogenannte Alus – kommen bei Orang-Utans offenbar seltener vor.

Mit dem neuen Genom kann man auch die Evolution von einzelnen Genen in Primaten und anderen Säugetieren miteinander vergleichen. So haben sich in der Evolution der Primaten besonders stark Gene verändert, die das Sehen steuern oder den Fettstoffwechsel beeinflussen. Zu diesem Schluss kam Carolin Kosiol von der Veterinärmedizinischen Universität Wien , Mitautorin der Nature -Studie. Sie hatte 14.000 Gene von Menschen untersucht, die auch bei Orang-Utans, Schimpansen und Rhesus-Makaken vorkommen.

Lässt sich damit nun erkennen, ob Bonobos anders gucken als Menschen oder warum Orang-Utans weniger Energie verbrauchen als Schimpansen? Nein, sagt der Molekularbiologe Enard. "Aber das Orang-Utan-Genom ist eine ganz wichtige Quelle, um solche Fragen künftig beantworten zu können. Dazu brauchen wir allerdings nicht nur DNA-Schnipsel, sondern wir müssen auch die Physiologie, die Lebensweise und die Ökologie der Primaten gut kennen." Die Sisyphos-Arbeit der Genetiker ersetzt also nicht die Feldforschung von Zoologen.

Wichtig an der Arbeit des Teams um Devin Locke ist auch die neue Technik, die hier angewandt wurde. "Damit werden wir sehr viel schneller und günstiger sehr viele Genabschnitte von allen möglichen Säugetieren analysieren können", sagt Enard.