Um das Thema Waldsterben ist es ruhig geworden. Zu Recht?

Eigentlich gibt es keinen Grund zur Entwarnung. Nach wie vor sind 64 Prozent der Bäume in Deutschland krank. Sie weisen zu einem knappen Drittel eine "deutliche Kronenverlichtung" auf, was nichts anderes bedeutet, als dass sie viel weniger Blätter oder Nadeln tragen als gesunde Bäume. Gerade mal 36 Prozent der Bäume waren bei der Waldschadenserhebung 2009 noch gesund. Als das Waldsterben Anfang der achtziger Jahre erstmals wahrgenommen worden ist, waren immerhin noch 44 Prozent der Bäume gesund. Das war 1984, als der Waldzustand zum ersten Mal umfassend erhoben wurde. Dabei unterscheiden sich die Werte regional zwar im Detail, der Trend ist aber bundesweit ähnlich. Besonders schlecht geht es den Eichen, Buchen und Fichten, den drei häufigsten Bäumen im Wald. Und das, obwohl es Erfolge gab. Vor allem der Anteil an Schwefeldioxid, dem hauptverantwortlichen Schadstoff für den "sauren Regen", ist seit den 80er Jahren dramatisch gesunken. Allerdings ist die Luft noch immer mit Stickoxiden belastet, einem der Ausgangsstoffe für bodennahes Ozon, das im Sommer gebildet wird. Und auch das Ozon schädigt die Bäume.

Spätestens seit den Stürmen Wiebke und Vivian Anfang der 90er Jahre, als hunderte Hektar Wald einfach flach gelegt wurden, begann in den Forstbehörden und bei den Privatwaldbesitzern eine Debatte darüber, wie die Wälder weniger anfällig für Sturmschäden gemacht werden könnten. Der Weihnachtssturm Lothar, der 1999 am zweiten Feiertag über Frankreich und Süddeutschland tobte, hat dort ganze Fichtenplantagen umgeknickt. In Nordrhein-Westfalen und Teilen Norddeutschlands hat 2007 der Orkan Kyrill große Schneisen in die Wälder geschlagen.

Inzwischen versuchen die Forstwirte ihre Wälder so umzubauen, dass in einigen Jahrzehnten gesündere Mischwälder aus Laub- und Nadelbäume entstehen. Das allerdings ist ein schwieriger Job. Und eine der Ursachen dafür liegt nach Einschätzung der Forstverbände bei den Jägern. Die schießen zu wenig Wild, weshalb die Bundeswaldinventur 2004 ergeben hat, dass ein Fünftel aller Bäumchen von Rehen angeknabbert worden ist. "Das sind Größenordnungen, die die Biodiversität der Wälder, ihre Kohlenstoffspeicher- und Schutzfunktion gefährden", sagt die Chefin des Bundesamts für Naturschutz , Beate Jessel.

Der hohe Verbiss führe dazu, "dass der mit Millionenbeträgen vom Staat geforderte Aufbau naturnaher Laubmischwälder großflächig verhindert und oftmals unmöglich gemacht" werde, kritisierte Jessel, als sie im Sommer mit dem Deutschen Forstwirtschaftsrat (DFWR) und der Arbeitsgemeinschaft Naturgemäße Waldwirtschaft (ANW) gemeinsam ein Gutachten zum Wild-Wald-Konflikt vorstellte. Gemeinsam forderten Jessel, der DFWR-Vorsitzende Georg Schirmbeck und der ANW-Vorsitzende Hans von Goltz, dass die Jäger dem Grundsatz "Wald vor Wild", der im Übrigen rechtlich auch so vorgesehen sei, in Zukunft folgen sollten. Bei der Jägerlobby, die seit Jahren erfolgreich eine Reform des Jagdrechts verhindert, ist das Gutachten nicht allzu gut angekommen.

Der Klimawandel wird den Wäldern zusetzen, da sind sich die meisten Experten einig. Nach dem Jahrhundertsommer 2003 sah es um den Wald besonders schlecht aus, weil die Bäume Trockenstress und dem Appetit vieler Schädlinge ausgesetzt waren. Damit rechnen die Forstfachleute in Zukunft häufiger und hoffen, dass der Umbau zu naturnahen Laubmischwäldern dazu führen wird, dass die Wälder auch der globalen Erwärmung besser gewachsen sind. Der Hamburger Forstprofessor Michael Köhl sagt allerdings: "Die Bewirtschaftung hat größeren Einfluss auf den Zustand der Wälder als der Klimawandel." Er rechnet damit, dass die Naturwälder, also die, die aus der Bewirtschaftung herausgenommen worden sind, unter dem Klimawandel stärker leiden werden. Das ist allerdings kein überraschender Befund, denn je älter die Bäume werden, desto kränker werden sie. Das zeigen auch die Waldschadensberichte. Zudem sind viele Wälder, die der "Wildnis der Zukunft" überlassen werden sollen, eben tatsächlich Fichtenplantagen, die womöglich auch noch nicht standortgerecht angelegt worden sind. Köhl rät den Waldbesitzern jedenfalls, die bewirtschafteten Wälder als produktive Mischbestände anzulegen.