Seit fast fünf Jahrzehnten spüren Forscher mit Experimenten einem unsichtbaren Sinn in der Tierwelt nach. Sie untersuchen den inneren Kompass der Wanderer, den Magnetsinn. Noch immer ist dieses rätselhafte Gespür für das weltumspannende Magnetfeld kaum erforscht. Dass es existiert, ist unbestritten. Wie etwa die Unechte Karettschildkröte ( Caretta caretta ) ihre Wanderwege mithilfe ihres Magnetsinns meistert, haben nun Biologen an der Universität von North Carolina im amerikanischen Chapel Hill herausgefunden.

"Eines der größten Mysterien im Verhalten von Tieren ist, wie Wanderer im offenen Ozean navigieren können – ganz ohne visuelle Orientierungspunkte", sagt Kenneth Lohmann , einer der Autoren der Studie, die nun im Magazin Current Biology erschienen ist. Das Schwierigste am Magnetsinn von Caretta caretta : Wie bestimmen sie ihre Ost-West-Position? "Menschliche Navigatoren haben Jahrhunderte gebraucht, um einen Weg zu finden, die geografische Lage auf ihren Weitstreckenreisen zu ermitteln", sagt der Hauptautor Nathan Putman.

Zwar ist es schon seit der Antike üblich, die Erde in ein gedachtes Koordinatensystem aus Längen- und Breitengrade zu teilen, doch woher weiß man, an welchem Punkt man sich nun befindet? Der Breitengrad, also die Nord-Süd-Position, war für Seefahrer im Mittelalter schnell gefunden. Dazu maß der Navigator zu einer bestimmten Tageszeit einfach den Winkel zwischen Sonne und Horizont.

Doch der Längengrad machte den Entdeckern Jahrhunderte Probleme. Erst eine relativ genau funktionierende Uhr des Tischlers John Harrison löste vor mehr als 250 Jahren eines der größten Probleme der Seefahrt. Heute finden wir mithilfe von Satelliten unseren genauen Standort. Damals gelangte nur derjenige präzise ans Ziel, der wusste, wie spät es im Ausgangshafen im Gegensatz zur Ortszeit war. So ließ sich der Längengrad berechnen.

Auf eine solch sekundengenau nötige Bestimmung können sich Meeresschildkröten nicht verlassen. Dennoch erreichen sie ihr Ziel. Forscher untersuchten bereits an Zugvögeln, ob sie über eine innere biologische Uhr verfügten, die die Tiere entlang der Ost-West-Route dirigierte. Fehlanzeige. Und auch für Caretta caretta scheint Zeit nicht das entscheidende Signal zu sein.

Eine ausgewachsene Unechte Karettschildkröte ("Caretta caretta") schwimmt in einem Aquarium

Die Schildkröte hat ein ganz empfindliches Gespür für die magnetischen Signale, die den gesamten Globus umspannen und je nach Position auf der Erdoberfläche leicht schwanken. Jede Region hat ihren magnetischen Fingerabdruck. Zwar wissen Forscher seit geraumer Zeit, dass sich Wandertiere, wie Zugvögel, Langusten und Molche auf magnetische Hinweise verlassen können, um ihre Nord-Süd-Position zu bestimmen. Doch dass sich dieses tierische Gespür auch zur Bestimmung der Ost-West-Position eignet, haben Biologen bislang bezweifelt.