Mitternacht im Rotterdamer Club Watt. Die Jugend der niederländischen Hafenstadt tanzt zu Techno und Trance. Die Clubmanager freuen sich, wenn die Tanzfläche voll ist – denn mit jedem Tänzer sinkt die Stromrechnung. Die Gäste produzieren nämlich Energie: Mit ihren Bewegungen drücken sie die flexibel gelagerten Bodenplatten der Tanzfläche zusammen. Ein Generator nimmt diese Energie auf und macht daraus Strom. Bis zu zwanzig Watt erzeugt jeder Tänzer auf diese Weise. Wenn der Saal tobt, reicht das aus, um die LED-Lichtanlage mit Strom zu versorgen.

Auch Gehwege in Toulouse und in Tokyo oder U-Bahn-Treppen in London sind mit solchen Energieplatten ausgestattet. Sie machen sich zunutze, dass Menschen permanent Energie an ihre Umwelt abgeben – in Form von Druck, Bewegung oder Abwärme. Seit einigen Jahren gibt es zentimeterkleine Instrumente, die solche Energie "ernten" können. Diese Energy-Harvesting-Geräte nutzen auch Vibrationen von Maschinen und Fahrzeugen oder Temperaturunterschiede zwischen zwei Stoffen, um Strom zu erzeugen.

Sie arbeiten dabei entweder mit Thermoelementen, in denen eine Spannung entsteht, sobald sie einer Temperaturdifferenz ausgesetzt sind. Oder sie sind mit einem elektrodynamischen Wandler ausgestattet. Wird er bewegt oder wird Druck ausgeübt, erzeugt er mithilfe eines Magneten und einer Spule einen Spannungsimpuls. Oder sie enthalten Piezokristalle, die elektrische Ladungen freisetzen, sobald sie mechanisch verformt werden – etwa indem ein Schalter gedrückt wird, an dessen Wippe ein Mini-Generator montiert ist.

"Die Energiemengen, die wir mit Energy Harvesting ernten, sind nicht groß. Sie reichen jedoch aus, um zum Beispiel einen drahtlosen Sensor zu versorgen", sagt Peter Woias vom Institut für Mikrosystemtechnik der Universität Freiburg. Solche energieautarken, kabel- und batterielosen Sensoren werden heute vor allem zur Gebäudesteuerung eingesetzt: In Krankenhäusern, Bürobauten oder Hotels messen sie die Temperatur und Luftqualität im Raum oder erfassen die Anwesenheit von Personen. Diese Informationen geben sie an die Heizung oder die Klimaanlage weiter. Dabei gewinnen sie die nötige Energie beispielsweise aus Temperaturunterschieden zwischen einem Heizkörper und der Raumluft.

"Der große Vorteil gegenüber batteriegespeisten Sensoren ist die Wartungsfreiheit: Sie werden einmal installiert – und dann kann man sie vergessen. Der Batteriewechsel entfällt. In großen Gebäuden mit Hunderten oder Tausenden Sensoren ist das ein wichtiger Kostenfaktor", sagt Frank Schmidt, Technischer Leiter beim Münchener Energy-Harvesting-Spezialisten EnOcean . Gegenüber kabelgebundenen Systemen sparen sich die Immobilienbesitzer zudem das Aufstemmen der Wände, um Leitungen zu verlegen.