Auf Ebay und Amazon gibt es Geigerzähler und Schutzmasken, Jodtabletten sind gefragt. Kommt jetzt wieder die Strahlenwolke? Wohin zieht der Wind? Werden wir von Regierungen und Medien belogen – wie damals, vor 25 Jahren beim Unglück von Tschernobyl? 1986 erreichte die Nachricht vom GAU die Bundesrepublik erst Tage nach der Reaktorexplosion. Da waren Sandkästen schon verseucht, belastete Nüsse und Pistazien gegessen, die Milch aus Bayern schon im Babymagen.

Die Deutschen haben all das nicht vergessen. Beim Thema "Atom" ist das Nervenkostüm dünn hierzulande. Aber vor lauter Angst sollten wir keine Katastrophe herbeireden, die noch nicht passiert ist. Und wir sollten nicht vergessen, dass gerade mindestens eine halbe Million Menschen in Japan ihr Zuhause verloren hat. Neben den rund 5.000 bestätigten Toten werden Zehntausende vermisst. Angehörige suchen verzweifelt nach ihnen. Es wird Jahrzehnte dauern, die Gebiete wieder aufzubauen, in denen die Flutwelle am 11. März alles weggespült hat, was dort einmal stand.

Stattdessen beherrscht die Furcht vor der atomaren Katastrophe hierzulande die Gedanken. Dabei ist es viel zu früh, vom Super-GAU zu sprechen. Noch gehen Wissenschaftler davon aus, dass der Sicherheitsbehälter und der Druckbehälter in den Reaktoren in Fukushima weitgehend intakt sind. Eine Kühlung der Brennstäbe könnte noch rechtzeitig gelingen, selbst wenn die Kernschmelze schon begonnen hat. Die Zeit arbeitet für die Ingenieure. Denn mit jedem Tag nimmt die Energie der Brennstäbe ab. Die Chancen, eine Katastrophe abzuwenden, steigen.

Auch die Angst, eine gefährliche radioaktive Wolke könnte über Deutschland abregnen, ist unbegründet. Tokio ist rund 9.000 Kilometer von Berlin entfernt. Bis nach Tschernobyl sind es gerade einmal 1.200 Kilometer. Und noch gibt es in Japan keine vergleichbare Wolke. In Tschernobyl war der komplette Reaktor inklusive des radioaktiven Materials explodiert. Selbst wenn die Kernschmelze in einigen der Fukushima-Reaktoren fortschreitet, die Schutzbehälter durchschmoren und Radioaktivität in großen Mengen in die Atmosphäre entweichen sollte, würde sie nur in extrem verdünnter Form über Deutschland ankommen. Vermutlich wären die Partikel dann schon in Sphären weit oberhalb der Regenwolken aufgestiegen.

Natürlich sollte man die Gefahrenlage in Japan nicht unterschätzen. Das Risiko für einen Super-GAU, also einen nicht mehr zu kontrollierenden Störfall, ist hoch. Das wäre ein gewaltiges Unglück weit über die Grenzen Japans hinaus, das die Ausmaße Tschernobyls übersteigen könnte. Was gerade auf der Insel Honshu passiert, zeigt auf grauenhafte Weise, dass der Mensch eine Technologie wie die Atomkraft nicht beherrschen kann, wenn Naturgewalten wirken. Die Frage, ob die Menschheit dieses Risiko weiterhin eingehen will, ist sehr berechtigt.

Es wäre dennoch wichtig, sich jetzt auf die Hilfe für diese Menschen zu konzentrieren, anstatt sich in der eigenen Furcht vor einem Super-GAU zu versteigen. Hier, 9.000 Kilometer entfernt, in Sicherheit.

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