Reise gen Mittelpunkt der Erde – Seite 1

Als alle Welt sich die Hälse verrenkt, um den Wettlauf zwischen Amerikanern und Sowjets auf dem Weg ins All zu verfolgen, schaut ein Ozeanograph und Geophysiker in die entgegengesetzte Richtung.

1957, dem Jahr, in dem Sputnik als erster künstlicher Satellit um die Erde schleudert, schlägt Walter Munk vor, das tiefste Loch der Welt zu bohren. Er will die Erdkruste durchstoßen, um erstmals Proben aus dem Mantel des Planeten zu entnehmen.

Es ist eine bessere Schnapsidee, die da an einem März-Vormittag 1957 in Munks Haus geboren wird. Kollegen vom Scripps-Institut für Ozeanographie im kalifornischen La Jolla und andere Gelehrte sind zum Sektfrühstück eingeladen. Man fachsimpelt, von der Bläschenbrause inspiriert, über Gedanken wie den, aus der Antarktis einen Eisklotz nach Kalifornien zu schleppen und mit dem Schmelzwasser Obstplantagen zu bewässern.

Eine Idee überlebt die Sektlaune: Munks Projekt Mohole. Seinen Namen bekommt es nach der Grenzfläche zwischen Erdkruste und Erdmantel: der Mohorovičić-Diskontinuität, von Geologen liebevoll Moho genannt. Daraus wird unter Verschmelzung mit dem englischen hole für Loch der Name Mohole.

Die in Seismogrammen erkennbare Moho-Fläche markiert den Übergang von Erdmantel zu Kruste und liegt unter kontinentalen Gebieten in zwischen 30 und 50 Kilometern Tiefe. Unter hohen Gebirgen liegt sie noch weit tiefer, denn hier ist die Erdkruste dicker: Sie schwimmt gleichsam auf dem Mantel, Gebirge ragen wie Eisberge im Wasser tiefer hinab als topografisch flachere Gegenden. 

Munk und der Geologe Harry Hammond Hess entwickeln die Sektidee weiter. Sie wollen im Meer bohren, denn die Erdkruste ist dort deutlich dünner als an Land; die Moho liegt nur fünf bis zehn Kilometer tief. Die ozeanische Kruste ist recht jung: Sie entsteht fortwährend aus den mittelozeanischen Rücken und breitet sich von dort langsam aus. Diese Ozeanbodenspreizung stellt Hess erstmals 1960 in einem Forschungsbericht dar und verhilft damit Alfred Wegeners Theorie von den driftenden Kontinenten zum Durchbruch.

Auch von Projekt Mohole versprechen sich die Geologen Erkenntnisse über die damals noch kontrovers diskutierte Wegener-Theorie. Außerdem sollen die Proben von der innerirdischen Zonengrenze Auskünfte über das Alter der Erde, ihren Aufbau und interne Prozesse geben.

Die Idee passt in den sechziger Jahren so recht in keine der Kategorien für Forschungsprojekte. Für solche Vorhaben, für die nur schwer Fördergeld zu bekommen ist, haben zwei Geophysiker am Office of Naval Research, der ozeanografischen Forschungseinrichtung der US-Marine, die American Miscellaneous Society (Amsoc) gegründet. Mohole-Ideengeber Munk ist Mitglied dieser zunächst eher informellen "Gesellschaft für Verschiedenes".

Phase I ist ein Erfolg: Die Technologie zeigt, dass es möglich wäre, in den Erdmantel zu bohren

1958 sichert sich die Amsoc staatliches Geld für Projekt Mohole und übernimmt die Planung im Auftrag des US-Forschungsrates National Research Council (NRC). Nach ersten Versuchen vor der Küste Kaliforniens beginnen die echten Probebohrungen am 1. März 1961 vor der mexikanischen Pazifikküste, etwa 75 Kilometer westlich der Insel Guadelupe.

Die Forscher mieten das Bohrschiff Cuss I. Ursprünglich ist es für ein Konsortium von Ölfirmen entwickelt worden, als Versuchsplattform für die gerade entstehende Offshore-Ölindustrie. Damit die Cuss I beim Bohren am Platz bleibt, wird sie mit vier einzeln von Hand steuerbaren Schiffsschrauben ausgestattet, die die Position mithilfe von Radarbojen und Unterwasser-Sonarbaken bestimmt. Im selben Jahr entwickelt Shell die Technik weiter: Auf der Eureka steuert das Radar die Schrauben automatisch.

Die Resultate werden für die Wissenschaft genauso wichtig sein, wie die des Satelliten-Programms
New York Times

Bis April senken die Mohole-Forscher fünf Löcher in den Meeresgrund. Das tiefste Bohrloch pikst gerade mal 183 Meter in die Erdkruste. Das ist zwar weit noch weit weg vom Erdmantel, aber dennoch eine Rekordleistung – das Loch ist nicht tief, aber der Ozean darüber: 3500 Meter Pazifik fluten über die Bohrstelle.

Phase I ist also ein Erfolg: Die Technologie und das Wissen der Ingenieure zeigen, dass es möglich wäre, in den Erdmantel zu bohren. Auch die gewonnenen Proben begeistern die Wissenschaftler. Im Tiefseeschlick finden sich Mikroorganismen aus dem Miozän, in den tieferen Schichten des Bohrkerns das Gestein Basalt.

Projekt Mohole sei, "eines der dramatischsten wissenschaftlichen Unternehmen unserer Generation", schreibt die New York Times, "die Resultate werden für die Wissenschaft genauso wichtig sein, wie die des Satelliten-Programms". Der Schriftsteller John Steinbeck kommt an Bord der Cuss I, um eine Reportage für das Magazin Life zu schreiben.

Und dann ist plötzlich Schluss. Zuständigkeiten wechseln, Kompetenzstreit zwischen Amsoc und staatlichen Institutionen entsteht, die Kosten laufen davon. Das Amsoc-Komitee löst sich 1964 auf, 1966 beendet der US-Kongress die staatliche Finanzierung. Projekt Mohole ist beendet.

Aber noch im selben Jahr wird das erste einer ganzen Reihe von Nachfolgeprojekten auf den Weg gebracht, die einander bis heute ablösen. Das bisher tiefste gebohrte Loch reicht rund 1400 Meter unter den Meeresgrund. Bis 2012 soll es eine Tiefe von sechs Kilometern erreicht haben – und endlich an der Moho kratzen.