Seit Tagen beschäftigt die Behörden in Nordrhein-Westfalen der Verbleib von 2285 Brennelementkugeln: Erst war ihr Aufenthaltsort unbekannt, dann hieß es, die Kugeln seien im ehemaligen Salzstock Asse gelandet. Jetzt teilte das Forschungszentrum Jülich mit, es vermisse gar keine Brennelementkugeln.

Der Gesamtbestand sei vollständig im Zwischenlager des Forschungszentrums gelagert und bis aufs Milligramm genau dokumentiert, hieß es in einer Erklärung des Forschungszentrums. Bei den angeblich verschwundenen Brennelementkugeln handele es sich überwiegend um Bruch, der größtenteils zu Forschungszwecken weiter zerteilt und dann als mittel-radioaktiver Abfall in 200-Liter-Fässer einzementiert worden sei, sagte Achim Bachem. Der Vorstandsvorsitzende des Forschungszentrums Jülich fügte hinzu, dass sich knapp 200 Kugeln noch im Reaktor der Einrichtung befänden. Jedes Milligramm des Materials sei erfasst und werde monatlich an das nordrhein-westfälische Energieministerium als Aufsichtsbehörde gemeldet und vierteljährlich durch Euratom überprüft. "An diesem Sachverhalt hat sich in den vergangenen 20 Jahren nichts geändert."

Am Wochenende war berichtet worden, die nordrhein-westfälische Landesregierung habe keine genaue Kenntnis, wo die 2285 Brennelementkugeln aus dem 1988 stillgelegten Forschungsreaktor geblieben seien. Die Rheinische Post meldete, der Atommüll aus Jülich sei nach Asse gebracht worden. Die Zeitung berief sich auf Begleitlisten der Gesellschaft für Strahlenschutz und Umweltforschung in München. Mittelradioaktive Abfälle dürften in Asse eingelagert werden – hochradioaktive Stoffe jedoch nicht.

Bei den Kugeln handelt es sich um ein Abfallprodukt aus einem sogenannten Hochtemperatur-Reaktor. In dieser Art Reaktor ist das Uran in Form winziger Körnchen von Keramik-Schichten umgeben und in tennisballgroßen Grafitkugeln eingeschlossen. Gekühlt wird der Reaktor durch Helium. Der Abfall, der dabei entsteht, ist zunächst hochradioaktiv. Erst die weitere Bearbeitung reduziert die Strahlungsaktivität.

Die Berichterstattung der Rheinischen Post am Wochenende wurde durch eine Antwort von NRW-Wissenschaftsministerin Svenja Schulze (SPD) auf eine kleine Anfrage der Grünen gestützt. "Allem Anschein nach" seien Brennelementkugeln aus Jülich in Asse eingelagert worden, sagte Schulze laut Spiegel.

Blick in einen der Stollen der Asse. | 360-Grad-Panorama: Stefan Sobotta

Dieser Bericht wurde vom Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) dementiert: Zwar bestätigte die Behörde, dass 1976 in der Schachtanlage Asse zwei Fässer mit Brennelementkugeln aus Jülich eingelagert wurden. Dabei handele es sich aber um mittelradioaktive Abfälle, die in der entsprechenden Kammer der Asse gelagert seien. Das sei der nordrhein-westfälischen Atomaufsicht bekannt. Die in Jülich vermissten rund 2300 Kugeln könnten schon wegen des relativ geringen Gesamtgewichts nicht in den Fässern sein.

Der Staatssekretär im Bundesforschungsministerium, Thomas Rachel (CDU) warf Schulze "nicht akzeptable Spekulationen" vor. Auch die FDP attackierte Schulze und warf ihr vor, gemeinsam mit den Grünen "die Ängste der Bevölkerung zu schüren". Die Landesregierung müsse aufklären, wer die politische Verantwortung für die unsaubere Dokumentation trage. Auf Antrag der FDP sollen sich der Wirtschafts- und der Umweltausschuss des Landtags am Mittwoch mit dem Fall Jülich befassen.  Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) bestellte für Dienstag die nordrhein-westfälische Atomaufsicht zur Berichterstattung nach Berlin ein.

Im maroden Atommülllager Asse lagern nach Angaben des Bundesumweltministeriums knapp 14.800 Abfallbehälter mit mittelaktiv strahlendem Material. Über Jahrzehnte wurden auch radioaktive Abfälle der Industrie im Schacht abgelegt, da ein Endlager nicht zur Verfügung stand. Das inzwischen einsturzgefährdete Lager soll komplett geräumt werden und der Müll wieder an die Oberfläche gebracht werden.