Die Meeresbiologen in den USA sind unruhig. Jede Minute rechnen sie mit einer Nachricht, die ihren Arbeitsalltag verändern wird: Dem Aufruf, Finanzierungsanträge für weitere Studien im Golf von Mexiko einzureichen. Denn ein Jahr nach der Ölkatastrophe steht die unabhängige Forschung weitestgehend still. Es fehlt nicht etwa an der Motivation, sondern an Geld, das BP schon längst zugesagt hat.

Es war der 20. April 2010, als die Bohrinsel Deepwater Horizon explodierte und versank. Was folgte, war die größte Umweltkatastrophe in der Geschichte der Vereinigten Staaten: Die Ölpest im Golf von Mexiko. Drei Monate lang strömte leichtes und fast schwefelfreies Erdöl aus dem Bohrloch in 1500 Metern Tiefe; insgesamt mehr als 800 Millionen Liter.

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Wohin das Öl verschwand, ist zum Teil noch immer ein Rätsel . Zwar hieß es laut einem Bericht der Meeresbehörde Noaa bereits im August vergangenen Jahres, dass große Mengen abgesaugt, verbrannt oder auf natürlichen Wege abgebaut worden seien; von dem Rest jedoch fehlt jede Spur.

So tragisch die Katastrophe auch war, sie bietet einzigartige Möglichkeiten. "Der Golf von Mexiko ist wie ein großes Forschungslabor, das Wissenschaftlern ermöglicht, die Folgen einer Ölpest in Echtzeit und über Jahre hinweg zu untersuchen", sagt der Meeresbiologe Tracy Villareal  von der Universität Texas . Vor der US-Küste lassen sich die langfristigen Auswirkungen des Öls auf die Pflanzen- und Tierwelt im Detail beobachten, Stoffwechselprozesse und die Dynamik eines Meeres unter besonderen Bedingungen analysieren.

Doch vieles bleibt bislang unerforscht. Die staatliche National Science Foundation stellt nur wenige Fördermittel bereit, das Budget von 2010 war rasch erschöpft. "Jedes Projekt, das die wesentlichen Feldstudien beinhaltet und zumindest ein wenig über das absolute Minimum hinaus geht, benötigt etwa 150.000 bis 200.000 US-Dollar pro Jahr", sagt der Meeresbiologe Joseph Montoya von der Georgia Tech . Sehnlichst warten er und viele Kollegen auf die Gelder von BP.

"Es gibt nur Mutmaßungen, wo das Öl hin ist", sagt Villareal. Der Meeresbiologe arbeitete im vergangenen Jahr einen Monat lang auf einem Forschungsschiff im Golf von Mexiko. Zwischenergebnisse der Studien liegen bereits vor, doch viele der Proben werden noch immer ausgewertet. "Wir beginnen erst zu verstehen, was damals passiert ist", sagt er. Die biologischen und chemischen Prozesse zu kennen, sei unerlässlich.

Verlässliche Informationen über das Öl können am besten jene Proben liefern, die kurz nach der Katastrophe genommen wurden. Weitere Forschung über das, was damals passiert ist, wird es nicht geben. Unabhängige Langzeitprojekte können nur noch die Folgen der Ölpest untersuchen. Doch im Golf von Mexiko laufen derzeit vor allem Studien, die von BP initiiert sind; die Forschungshoheit hat allein die Noaa.

Seit Beginn der Ölpest setzt die Meeresbehörde Teams ein, um die Umweltschäden zu ermessen. Im Rahmen des Natural Resource Damage Assessment werden die Auswirkungen auf die Habitate, die Tierwelt in der Tiefsee und jene an den Küsten untersucht. Das Vorgehen unterliegt dem Oil Pollution Act . Das Gesetz stellt sicher, dass die Verantwortlichen für Forschungsprojekte zahlen; die Vorhaben der Noaa lassen sich zum Beispiel online einsehen . "Die Untersuchungen sind aber nicht so profiliert, wie jene wenige Tage nach der Ölkatastrophe. Aber sie sind Teil des Verfahrens, um die Schäden, die BP verursacht hat, beurteilen zu können", sagt Villareal.