Kein Bild zu sehen, nur ein kleines Lämpchen signalisiert: Das Gerät ist auf Standby und kann innerhalb von Sekunden angeschaltet werden. Bei einem Atomkraftwerk dauert das "Anschalten" zwar sehr viel länger, doch die Idee ist die gleiche. Einer der derzeit acht abgeschalteten deutschen Meiler soll nach dem Willen der Bundesregierung zum Standby-Atomkraftwerk werden und immer dann Strom liefern, wenn es Energieengpässe gibt. Im Gespräch sind Biblis B in Hessen oder Philippsburg-1 in Baden-Württemberg. Entscheiden muss die Bundesnetzagentur.

Doch unter Experten ist umstritten, was genau eigentlich bei einem Atomkraftwerk mit Standby gemeint ist. "Der Begriff Standby ist nicht genau definiert, denn es gibt verschiedene Standby-Szenarien für Atomkraftwerke", sagt Florian Jansen, Physiker bei der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS). Ein Szenario sei zum Beispiel, den Kern zu "entladen". "Das heißt, der Brennstoff wird aus dem Reaktordruckbehälter entnommen und in einem sogenannten Brennelement-Lagerbecken deponiert", sagt Jansen.

Ein zweites Szenario wäre der "Cold-Shutdown": "Dabei wird der Brennstoff im Kern belassen, aber der Druck und die Temperatur in der Anlage werden heruntergefahren", sagt Jansen. In beiden Fällen wären die Kraftwerke "unterkritisch", es gäbe also keine Kettenreaktion im Brennstoff mehr. Aber auch eine dritte Variante sei denkbar, die Anlagen würden dabei nur gedrosselt, nicht abgeschaltet. Im "heißen Standby" liefe das Kraftwerk auf niedrigem Niveau weiter, ohne Strom zu erzeugen. "Diese Variante ist jedoch praktisch auszuschließen, aufgrund der Kosten", sagt Jansen.

Doch ist ein Standby nur sinnvoll, wenn das Kraftwerk schnell wieder volle Leistung bringt und Strom erzeugt: Doch wie schnell ist realistisch? "Wenn man den Brennstoff komplett aus dem Reaktordruckbehälter entfernt und ins Lagerbecken überführt, braucht man ungefähr zwei Wochen, um die Anlage wieder auf Leistung zu bringen", sagt Jansen. Denn vor dem Anfahren müsste eine Reihe von Tests durchgeführt werden. "Eigentlich ist das ein Vorgang, wie er auch bei den jährlich stattfindenden Überprüfungsrevisionen vollzogen wird", sagt Jansen. "Allerdings wird dabei in der Regel nur ein Drittel des Brennstoffes ersetzt. Im Falle eines Standbys wäre jedoch der komplette Brennstoff wieder einzusetzen."

Deutlich schneller ginge es, wenn die Uranstäbe gleich im Kern blieben: "Man bräuchte dann nur zwei bis drei Tage, um das AKW wieder in Betrieb zu nehmen", sagt Jansen.

GRS-Physiker Jansen glaubt, dass mit diesem Verfahren Ausfälle des Stromnetzes im Zweifel verhindert werden könnten. "Es ist sehr wichtig, dass die Frequenz des Netzes stabil bleibt. Wenn große Erzeuger oder Verbraucher vom Netz gehen, dann verändert sich die Frequenz des elektrischen Netzes in Deutschland. Das muss durch Zuschalten oder Abschalten von Stromerzeugungskapazitäten verhindert werden."