Der Energiekonzern Tepco kann seine Atomkraftwerke weiter betreiben. Aktionäre scheiterten auf der Hauptversammlung des Konzerns mit einem Antrag, der einen Ausstieg aus der Kernenergie für das Unternehmen vorgesehen hätte. Tepco hat neben Atomkraftwerken unter anderem 160 Wasserkraftwerke und 25 Wärmekraftwerke.

Obwohl der Antrag auch in den vergangenen Jahren gestellt worden war, gewann er diesmal mehr Unterstützung – aus dem Katastrophenreaktor entweicht auch mehr als drei Monate nach dem Tsunami und Erdbeben radioaktive Strahlung. Für eine Abkehr des Energieriesen von der Atomkraft wäre eine Zwei-Drittel-Mehrheit erforderlich gewesen.

Während der turbulenten Aktionärsversammlung kritisierten zahlreiche Anteilseigner das Tepco-Management und machten es für die Nuklearkatastrophe von Fukushima verantwortlich. Der Tsunami, der die Kühlsysteme des AKW am 11. März zerstörte, hätte einkalkuliert werden müssen, sagte ein Mann. Die Krise sei ein "von Menschenhand gemachtes Desaster".

Einer der Aktionäre versuchte, dem Präsidenten von Tepco, Tsunehisa Katsumata, per Antrag das Vertrauen zu entziehen. Er wollte verhindern, dass Katsumata die Versammlung moderiert. Das Management entschuldigte sich: "Es tut uns aufs Tiefste leid, dass wir Ihnen Ärger und Sorgen bereitet haben", sagte Katsumata. Doch das besänftigte die Aktionäre nicht, immer wieder gab es Zwischenrufe: "Springt in die Reaktoren und sterbt." Ein anderer Aktionär sagte, die Verantwortlichen wären in früheren Zeiten dazu gezwungen worden, sich den Bauch aufzuschlitzen. Zahlreiche Sicherheitskräfte standen bereit, um zu verhindern, dass Zwischenrufer auf die Bühne gelangen.

Auf das Unternehmen kommen sehr hohe Entschädigungszahlungen zu. Wegen der entwichenen Radioaktivität mussten Tausende von Menschen ihre Häuser und Arbeitsplätze aufgeben. Bauern und Fischer können ihre kontaminierten Produkte nicht mehr absetzen. Auch andere Firmen leiden unter der Furcht im In- und Ausland, ihre Produkte könnten verstrahlt sein. Katsumata versprach, die andauernde Katastrophe in den Griff zu bekommen und den Konzern drastisch zu reformieren.

Tepco benötige eine hohe Summe, um die etwa 85.000 Opfer der Katastrophe zu entschädigen und die Reaktoren zu stabilisieren, zitierte die Wirtschaftszeitung Nikkei den scheidenden Konzernchef Masataka Shimizu. Der Konzern stecke in einer noch nie dagewesenen Krise. Shimizu übernimmt mit seinem Rücktritt die Verantwortung dafür. Als Nachfolger wurde der bisherige Direktor Toshio Nishizawa nominiert. Derweil gab der Kurs der Tepco-Aktie an der Börse in Tokio zwischenzeitlich nach, nachdem der Konzern ein neues System zur Kühlung der Reaktoren mit dekontaminiertem Wasser stoppen musste. Am Ende schloss das Papier unverändert bei 316 Yen. Die Aktionäre sind aufgebracht, da der Wert der Aktie in Folge der Krise nur noch ein Siebtel dessen beträgt, was das Papier vor der Katastrophe kostete.

Ende Mai hatte Tepco einen Nettoverlust in Höhe von 1,3 Billionen Yen (11 Milliarden Euro) für das am 31. März beendete Geschäftsjahr ausgewiesen. Das ist der höchste je von einem japanischen Konzern außerhalb des Finanzsektors erlittene Fehlbetrag. Die japanische Regierung hat für Tepco einen milliardenschweren Rettungsplan aufgesetzt: einen Fonds, in den neben dem Staat auch andere Energiekonzerne einzahlen sollen.

Unterdessen gibt es bei der Stabilisierung der Reaktoren immer wieder Rückschläge: Eine neue Wasseraufbereitungsanlage sollte das Wasser in den Anlagen dekontaminieren, doch das System setzte nach wenigen Stunden aus: Das recycelte Wasser sollte zur Kühlung wiederverwendet werden. Kurz nach dem Wiederanfahren am Montagabend musste die Anlage wegen eines Lecks erneut gestoppt werden, meldete der Fernsehsender NHK.

Am 11. März hatten ein Beben der Stärke 9,0 und eine Tsunami-Welle im Nordosten Japans verheerende Schäden angerichtet. Mehr als 23.000 Menschen starben oder gelten als vermisst. Beben und Tsunami lösten am Atomkraftwerk Fukushima zudem die größte Atomkatastrophe seit dem Reaktorunfall von Tschernobyl vor 25 Jahren aus.