Wie mag sich dieses halbrunde saftige Grün wohl anhören? Dem menschlichen Ohr bleibt die Akustik von Marcgravia evenia verborgen. Das Ultraschallkonzert der tropischen Kletterpflanze richtet sich ausschließlich an ein tierisches Publikum. Fledermäuse sind ganz angetan davon – ihre Rufe reflektieren die Blätter des Gewächses äußerst trickreich: Inmitten der grünen Vielfalt des Urwalds verleiten sie die Fledertiere auf der Suche nach Nektar dazu, geradewegs Marcgravia evenia anzusteuern.

"Die Hochblätter haben eine andere Klangfarbe als die umgebende Vegetation, und dadurch werden diese Blüten auffällig", erzählt Ralph Simon. Der Biologe von der Universität Ulm hat zusammen mit britischen Forschern im kubanischen Regenwald die akustischen Leistungen von Marcgravia evenia aufgespürt. Seine Forschungsergebnisse belegen, wie sich die Tropenpflanze an die Bedürfnisse ihrer tierischen Bestäuber angepasst hat. Im Magazin Science werden die Beobachtungen nun beschrieben.

Die tropische Kletterpflanze "Marcgravia evenia" © Corinna U. Koch

Dass Pflanzen mittels prächtiger Blüten oder betörender Düfte ihre tierischen Helfer anlocken, ist bekannt. Bienen und Vögel verteilen die Pollen vieler Gewächse und naschen im Gegenzug an deren Nektar. Ähnlich machen es auch Fledertiere in den Tropen, ob in Afrika, Australien oder Asien. Gleich mehrere Arten bestäuben dort Pflanzen und ernähren sich vom Saft der Blüten. "In Mittel- und Südamerika gibt es etwa 40 Arten von hoch spezialisierten Blumenfledermäusen aus der Familie der Glossophagien und einige hundert Pflanzenarten, die sich an diese Arten angepasst haben", sagt Simon.

Training mit Fledermäusen im künstlichen Laubwald

Der Wissenschaftler und seine Kollegen aus Deutschland und Großbritannien beschäftigen sich mit den unglaublichen Sinnesfähigkeiten von Fledermäusen. Beobachtungen haben gezeigt, dass die Tiere mit ihrem überragenden Gehör selbst Formen wie Kegel und Paraboloiden voneinander unterscheiden können. Fledermäuse, die sich über Ultraschall nicht nur verständigen, sondern auch orientieren können, leben in einer Welt, die für den Menschen geräuschlos ist. Ihre Rufe lösen auf allen Oberflächen ein Echo aus Schallwellen aus. An deren Muster erkennen die Tiere ihre Umgebung.

In Versuchen fanden Simon und sein Team heraus, dass Blumenfledermäuse am besten halbkugelförmige Objekte erkennen. "Deshalb staunten wir nicht schlecht als wir in Kuba eine Pflanze fanden, die diese kugelig geformten, konkaven Blätter präsentierte", sagt Simon. Selbst nachts fanden zahlreiche Fledermäuse ihren Weg zu Marcgravia evenia . Die Forscher vermaßen daraufhin die Echoeigenschaften der Hochblätter, die direkt über den nektarreichen Blüten der Pflanze hängen. "Sie sind wirklich einzigartig", sagt Simon.

In den tropischen Gefilden Kubas konnten die Forscher ihre Vermutungen über die Echo-Lockmethode jedoch nicht überprüfen. Marcgravia evenia ist nicht nur eine seltene Pflanze, sie blüht auch noch in mehreren Metern Höhe im Kronendach des Regenwaldes. Also trainierten die Forscher Fledermäuse in einem künstlichen Laubwald im Labor. Dort sollten sie einen Futterspender suchen, der entweder für sich alleine angebracht, mit einer Nachbildung eines halbrunden oder einem künstlichen herkömmlichen Blatt versehen war.

Am längsten benötigten die Fledermäuse, um den allein stehenden Nektarspender zu finden, unwesentlich kürzer dauerte es, wenn dieser ein einfaches Blatt angeheftet bekam. Erstaunlich: "Die Suchzeit verkürzt sich um etwa 50 Prozent, wenn die Kunstblüte ein schüsselförmiges Blatt präsentiert", sagt der Biologe Simon.