Kasachstans Ozean droht zu verschwinden – Seite 1

Wellen klatschen gegen den heißen Beton der Anlegestelle, Fischkutter schaukeln angeleint auf dem Wasser: Der Hafen von Kuigan liegt wie ausgestorben in der Mittagshitze. Nur ein paar braun gebrannte Halbwüchsige toben im Wasser herum.

Kuigan ist ein Dorf mit 1.800 Einwohnern, am südwestlichsten Ende des Balchaschsees im Osten Kasachstans. Hier fächert sich der Ili, der größte Zufluss des Balchasch, zum Delta auf. Ganz Kuigan ist durchzogen von Kanälen. Jeder Haushalt hat ein Boot, das Dorf lebt vom Fisch.

Einer von knapp 200 Fischern hier ist Oleg Schumacher, mit stechend blauen Augen und einem vom Wetter gegerbten Gesicht. Sein Vater ist als Spätaussiedler nach Deutschland gegangen, Oleg aber blieb. Seine Heimat sei hier am Balchasch. "Wir nennen ihn den 'Ozean'", sagt Schumacher, "denn wer während eines Sturms draußen ist, merkt, dass der Balchasch genauso gefährlich ist."

Der Balchaschsee, der sich wie eine Säbelklinge über eine Länge von 600 Kilometern durch die kasachische Steppe zieht, ist der größte See in Zentralasien – jetzt, da der Aralsee fast ausgetrocknet ist. Dem Balchasch droht nun das gleiche Schicksal wie dem Aral, der bereits zu vier Fünftel verschwunden ist und auf dessen Grund nun eine neue Wüste entstanden ist.

Die Gefahr ist für die Bewohner kaum sichtbar

"Der Balchasch ist für einen See dieser Größe extrem flach", sagt der deutsche Hydrologe Martin Lindenlaub vom Regionalen Ökologischen Zentrum für Zentralasien CAREC in Almaty. Weite Bereiche des Sees sind weniger als zehn Meter tief. Die Verdunstung ist wegen des trockenen Klimas besonders hoch: Von 1972 bis 2001 schrumpfte der Balchasch bereits um rund 150 Quadratkilometer – eine Fläche so groß wie die Stadt Potsdam. Und je flacher der See wird, desto stärker nimmt auch die Verdunstung zu. Allein zwischen 1988 und 1998 sank der Seespiegel nach Messungen des Geografischen Instituts in Almaty um nahezu zwei Meter.

Die Gefahr ist allerdings für die Bewohner der Region kaum sichtbar. Denn aus dem wichtigsten Zufluss Ili strömt nach wie vor viel Wasser in den See. "Sehen Sie doch, wie viel Wasser der Fluss in diesem Jahr hat", sagt Oleg Schumacher, der Fischer aus Kuigan. Tatsächlich ist der Seespiegel in den vergangenen zehn Jahren sogar langsam wieder angestiegen. Warum, wurde bisher nicht untersucht. "Vermutlich, weil die Trockenperiode in den 1990er Jahren von einer feuchteren Periode abgelöst wurde", sagt Dschakup Dostaj vom Geografischen Institut in Almtay. Aber auch der Klimawandel könne ein Grund sein: Die Gletscher im benachbarten Tien-Shan-Gebirge, wo die Zuflüsse des Balchasch entspringen, schmelzen immer weiter ab. Nach Angaben des World Glacier Monitoring Service ging deren Fläche um 25 bis 35 Prozent zurück. Der größere Abfluss kommt dem See vermutlich zugute, zunächst zumindest.

Doch wie am Aralsee – aus dessen Zuflüssen Amudarja und Syrdaria vor allem für den Baumwollanbau immer mehr Wasser entnommen wurde, so dass sie nur noch als Rinnsale am Aralsee ankommen – könnten auch die Zuflüsse des Balchasch versiegen.

Chinesische Staudämme verringern den Wasserzufluss

Die größte Gefahr droht aus China. Zu rund 80 Prozent wird der Balchasch aus dem Fluss Ili gespeist, der in der westchinesischen Provinz Xinjang entspringt. Dort werden derzeit dutzende Staudämme gebaut. "Wenn die fertig sind, fließen zwei Drittel weniger Wasser aus China nach Kasachstan", sagt der Hydrologe Dschakup Dostaj.

Trotz der wirtschaftlichen und sozialen Brisanz konnten Kasachstan und China sich aber über die Nutzung des Ili bisher nicht einigen. Zwar wurde im Jahr 2001 eine kasachisch-chinesische Kommission zur Nutzung grenzüberschreitender Flüsse gebildet. Doch ein bilateraler Vertrag enthält keinerlei konkrete Absprachen über Nutzungsmengen und gegenseitige Kontrollen. Und kasachische Politiker vermeiden Kritik am wichtigen Wirtschaftspartner China.

Durch den Reisanbau geht Wasser verloren

Auch die kasachische Seite selbst macht Fehler. Am Balchasch wird in großem Stil Reis angebaut, der mit dem Wasser aus dem Ili künstlich bewässert wird. Akylbek Botbajew ist Vorarbeiter einer Genossenschaft, die im Dorf Bach-Bachty auf 1.000 Hektar Reis anbaut. "Reis", sagt Botbajew, "braucht viel Wasser. Aber es ist eine Kunst, den richtigen Wasserstand einzustellen." Reguliert wird mit einfachen Schiebern zwischen den meist unbefestigten Kanälen, die per Hand geöffnet oder geschlossen werden. Bei solchen Kanälen versickert mehr als die Hälfte des Wassers im Boden. Das weiß man von Messungen am Aralsee.

"Ein Notfallplan müsste her", sagt der deutsche Hydrologe Martin Lindenlaub. Wenn der Seespiegel unter eine kritische Marke sinke, müsse geregelt sein, welche Nutzer überhaupt noch Wasser aus den Flüssen nehmen dürften. Doch an einem solchen Plan wird auf kasachischer Seite bisher nicht gearbeitet. Die Wissenschaftler Dschakup Dostaj und Malik Burlibajew planen demnächst eine Expedition zusammen mit chinesischen Kollegen. Gemeinsam wollen sie den Balchasch und seine Zuflüsse vermessen. Denn gemeinsame Daten – die Basis für konkrete Absprachen – liegen beiden Seiten bisher nicht vor.