War die Katastrophe in Pakistan vorhersehbar?

Die Kurzsichtigkeit sei das größte Problem, sagt Azra Sayeed. Es ist Mitte Juli und die Aktivistin der Umweltorganisation Roots for Equity sitzt in einem Hotel im Zentrum von Karachi. "Wir erleben keine einmalige Katastrophe", sagt sie vor einer Runde von deutschen Journalisten. "Pakistan hat ein dauerhaftes Problem." Das Land leide unter den Konsequenzen des Klimawandels. Die Jahrhundertflut, die monatelang das Land heimgesucht hat, werde sich wiederholen. "Das nächste Hochwasser wird kommen", sagt Sayeed.

Die Aktivistin sollte mit ihrer Warnung Recht behalten. Nur wenige Monate später versinkt Pakistan erneut im Chaos. Wieder hat heftiger Monsunregen den Süden des Landes unter Wasser gesetzt, wieder sind Millionen Pakistaner auf der Flucht. Die Bilder gleichen jenen von vor einem Jahr: Die Konvois der Hilfsorganisationen rollen in das Land ein, bringen Zelte, Medikamente, Nahrungsmittel. Die Behörden sprechen bereits von mehr als 300 Toten. Und ein Vorwurf steht im Raum: Wenn diese Flut vorhersehbar war, warum hat niemand etwas unternommen, um die Menschen früher zu schützen?

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Doch unter Experten ist durchaus umstritten, ob die Flut in diesem Jahr absehbar war. "Wir wissen zwar, wann der Monsunregen kommt, aber nicht, mit wie viel Niederschlag", sagt der kanadische Geologe und Monsun-Spezialist John Clague. Dass auf die Jahrhundertflut des vergangenen Jahres nun gleich eine zweite folge, sei eher ungewöhnlich. Auch Peter Clift, Klimaforscher an der britischen Aberdeen-Universität, ist von den Ereignissen in Pakistan überrascht. Eigentlich sei 2011 ein schwaches Monsun-Jahr. "Über Ostindien ist es sogar trockener als sonst", sagt Clift. "Auch im restlichen Teil Pakistans ist die Niederschlagsmenge durchschnittlich." Lediglich im Westen des Landes sei der Monsun in diesem Jahr so stark, dass er Verwüstungen anrichte.

Die These, dass die jüngsten Fluten mit der globalen Erwärmung zusammenhängen, ist ebenfalls umstritten. Zwar ist sicher, dass das Land vom Klimawandel betroffen ist. Auch Peter Clift will nicht ausschließen, dass die erneuten Überschwemmungen Anzeichen eines Trends sind, der mit der globalen Erwärmung einhergehe. Beweisen kann er es aber nicht. Dass die Gletscher im Himalaja seit Jahrhunderten stetig schrumpfen, erklärt die Katastrophe in Pakistan nicht: "Dafür sind die Zeiträume zu lang, über die das Eis abschmilzt", sagt der Geologe Clague. Zugleich passt nach Ansicht seines Kollegen Clift die Jahreszeit nicht: "Das Schmelzwasser lässt die Flusspegel des Indus vor allem im Frühjahr ansteigen und nicht um diese Jahreszeit."

Dennoch lastet der Vorwurf auf Pakistans Präsident Zardari, wieder einmal die Zeichen zu spät erkannt zu haben. Bereits im Juli klagten viele Bewohner in der pakistanischen Provinz Sindh, dass die Regierung noch immer viele Deiche nicht repariert habe. Nun ist die Region wieder von der Flut betroffen. Ausländische Hilfsexperten berichten, dass das Wasser an vielen Orten ungehindert auf die Felder fließe. Die Regierung habe bis zur "Stunde null" gewartet, bis sie den Westen um Hilfe bat, klagen die Helfer.

Die Flut trifft wieder die Ärmsten im Land

Zwar ist unter Forschern strittig, ob tatsächlich weniger Menschen von der Flut betroffen wären, wenn die Regierung die Deiche rechtzeitiger repariert hätte. "Deiche engen den Strom ein, was bei extremer Flut zu noch höheren Pegelständen führt", sagt Klimaforscher Clague. "Wenn sie brechen oder überspült werden, verschlimmern sie das Flutproblem, denn Wasser auf der Landseite eines Deichs kann nicht mehr abfließen."

Die pakistanische Regierung entlastet das jedoch nicht. Noch vor wenigen Monaten hatte Staatspräsident Zardari auf einer internationalen Geberkonferenz ausländische Hilfe für den Wiederaufbau des Landes abgelehnt. Die westlichen Geberländer hatten im Gegenzug überfällige Reformen des Steuersystems und des Verwaltungsapparates angemahnt. Eine Forderung, die Islamabad prompt ablehnte: Man werde die Kosten der Flut alleine stemmen.

Nun sind es vor allem die sogenannten Haris, die von der Flut wieder am stärkten getroffen sind. Rund 60 Prozent der Bauern in Sindh besitzen kein eigenes Land, sondern müssen es bei mächtigen Landlords pachten. Sie verdienen ihr Geld, indem sie das Land der Großgrundbesitzer bestellen. Nur einen kleinen Teil des Gewinns dürfen sie behalten. Rund 1,7 Millionen Bauern werden auf diese Weise in Pakistan ausgebeutet, schätzt die Internationale Arbeitsorgansation (ILO).

Im vergangenen Jahr verloren viele der Landwirte ihre Ernten und mussten sich bei ihren Landlords weiter verschulden. Bereits damals schätzte das Deutsche Rote Kreuz den Schuldenstand jeder Bauernfamilie auf zwischen 40.000 und 250.000 Rupien – rund 300 bis 2.000 Euro. Werden nun wieder Ernten vernichtet, steigt der Schuldenberg weiter.

Ob vorhersagbar oder nicht: Es sind die Ärmsten im Land, die von den neuen Fluten getroffen werden. Geologen warnen, dass sich die Lage im Land in den kommenden Wochen noch verschlimmern könnte.