Was bedeutet das Honig-Urteil?

ZEIT ONLINE: Herr Buchholz, zusammen mit Ihrem Kollegen Achim Willand haben Sie vor dem Europäischen Gerichtshof (EuGH) erreicht, dass Honig, der Pollen aus genetisch verändertem Mais enthält, nicht auf den Markt darf. Es sei denn, der "Genmais" hat eine Zulassung für genau dieses Lebensmittel. Haben die Richter so entschieden, weil sie "Genhonig" für eine potenzielle Gefahr halten?

Georg Buchholz: Nicht die Richter, sondern der europäische Gesetzgeber hält gentechnisch veränderte Lebensmittel für eine potenzielle Gefahr, so lange sie nicht geprüft und zugelassen sind. Genauso wie Autofahrer ohne Führerschein. Deshalb ging es in diesem Verfahren vor allem darum, ob Honig mit Pollen aus Genmais ein gentechnisch verändertes Lebensmittel ist. Das ist völlig unabhängig von dem realen Risiko des konkreten Maises.

ZEIT ONLINE: Und was gilt nun für den Pollen?

Buchholz: Die Europa-Richter haben entschieden: Honig, der Pollen der Maissorte MON 810 enthält, darf nicht in den Verkauf.

ZEIT ONLINE: Ist das nicht paradox? Nachweislich giftige Stoffe dürfen in Lebensmitteln stecken. Es sei denn, sie überschreiten Grenzwerte. Für Pollen aus Genmais gilt Null-Toleranz – und das, obwohl er vielleicht völlig harmlos ist.

Buchholz: Das Verbot und die Null-Toleranz gelten nur, solange keine entsprechende Zulassung vorliegt. Bei konventionellen Schadstoffen, deren Giftigkeit mit der Menge zunimmt, lässt sich eine Grenze festlegen. Solche Schadstoffe vermehren sich nicht. Bei gentechnisch veränderten Organismen (GVO) besteht aber das Risiko, dass schon einige wenige sich so vermehren, dass sie Schaden anrichten.

ZEIT ONLINE: Aber Pollen im Honig vermehren sich doch nicht?

Buchholz: Eine Übertragung und Vermehrung des genetischen Materials kann nicht nur über die Befruchtung stattfinden, sondern auch als horizontaler Gentransfer über Bakterien im Magen-Darm-Trakt. Weil die Vorgerichte diese Möglichkeit nicht eingehend geprüft haben, hat auch der EuGH nicht klären können, ob der Pollen im Honig noch ein Organismus nach der Begrifflichkeit des Gentechnikrechts ist.

ZEIT ONLINE: Wie gerät der Maispollen überhaupt in den Honig?

Buchholz: Da während der recht späten Maisblüte kaum andere Blütenpflanzen blühen, fliegen die Bienen auch Mais an. Pollen lagern sie in besonderen Waben neben den Honigwaben als Futter für die Larven. Wenn der Imker die Waben schleudert, wird der Pollen mit dem Honig vermischt.

ZEIT ONLINE: Macht sich jeder Imker strafbar, der Honig mit Genmais-Rückständen verkauft?

Buchholz: Imker in Deutschland müssen sich keine Sorgen machen, weil der Anbau von MON 810 hier seit 2009 verboten ist. Allerdings hat Monsanto die Wiederzulassung beantragt. Derzeit darf hier nur die genetisch veränderte Kartoffel Amflora überall angebaut werden. Außerdem gibt es an bestimmten Standorten Freisetzungen . In deren Umgebung sollte der Imker über das im Internet veröffentlichte Standortregister prüfen, ob im Flugradius seiner Bienen GVO angebaut werden , und ob Pollen oder Nektar daraus in Honig zugelassen ist. Auch dafür gibt es ein Register . Drohen Verkaufsbeschränkungen, sollte der Imker den Anbauer auffordern, seinen Honig vor Einträgen zu schützen. Notfalls sollte er seine Bienen zur Blütezeit des GVO von der Anbaufläche entfernen. Nachträgliche Analysen sind in der Regel zu teuer. Strafbar macht sich nur, wer Honig mit nicht zugelassenen GVO vorsätzlich oder fahrlässig in den Verkehr bringt.

Was wird sich jetzt ändern?

ZEIT ONLINE: Und was ändert sich durch das Urteil?

Buchholz: Es stellt klar, dass das Lebensmittelgentechnikrecht auch für Honig gilt. Und es zeigt, dass die Behauptung von Monsanto, MON 810 sei auch für Lebensmittel zugelassen, nur die halbe Wahrheit ist: Denn die bisherige Zulassung gilt nicht für Honig. Hoffentlich wird kein Landwirt mehr GVO ohne umfassende Zulassung anbauen. Und das Urteil bestätigt den Grundsatz der Null-Toleranz für nicht zugelassene GVO. Dieser Grundsatz war von Interessengruppen und zuletzt sogar von der EU-Kommission vor allem im Zusammenhang mit Futtermitteln in Frage gestellt worden.

ZEIT ONLINE: Was bedeutet das für Import-Honig?

Buchholz: Die Entscheidung der Richter schränkt den Import mancher Honig-Sorten aus GVO-Anbauländern ein. Das schafft Anreize für Exporteure, GVO-Einträge zu vermeiden und auf den GVO-Anbau zu verzichten.

ZEIT ONLINE:  Ist mit dem Richterspruch das letzte Wort gesprochen?

Buchholz: Es sind Grundsatzfragen geklärt. Das Gentechnikrecht muss jetzt von den EU-Staaten ausgelegt und umgesetzt werden. In unserem Fall muss der Bayerische Verwaltungsgerichtshof noch entscheiden, inwieweit Anbauer des Maises zu Schutzmaßnahmen verpflichtet sind. Denkbar wäre, ausreichende Mindestabstände zu Bienenstöcken einzuhalten, oder dass die Bauern vor der Maisblüte die Pollenfahnen abschneiden müssen. Eine Prozedur, die so aufwendig und teuer ist, dass sich der Anbau wohl nicht mehr lohnen würde.

ZEIT ONLINE: Was wäre, wenn Monsanto die Zulassung bekommt, die MON 810-Pollen in Honig erlauben würde?

Buchholz: Dann dürfte der Honig unbegrenzt viele der genetisch veränderten Pollen enthalten. Er müsste aber mit einem Hinweis auf die genetische Veränderung gekennzeichnet werden, wenn der Imker seine Bienenstöcke absichtlich in der Nähe eines MON-810-Feldes aufstellt oder der Genpollenanteil mindestens 0,9 Prozent beträgt.

ZEIT ONLINE: Landet der "Genmaispollen-Honig" dann doch auf unseren Brötchen?

Buchholz: Es kommt drauf an, was wir einkaufen. Biohonig und Honig "ohne Gentechnik" darf auch dann nicht im Umkreis von genetisch veränderten Trachtpflanzen erzeugt werden.

ZEIT ONLINE: Und konventioneller Honig?

Buchholz: Da Honig hauptsächlich aus Zucker und Wasser besteht und kaum mehr als ein Prozent Pollen enthält, wäre die Kennzeichnungsschwelle nach bisheriger Behördenpraxis kaum überschritten worden. Der EuGH betrachtet den Pollen aber nun als eigenständige Zutat von Honig. Deshalb beziehen sich die 0,9 Prozent jetzt nicht auf den Honig insgesamt, sondern nur auf den Pollenanteil. Das ist neu und im Sinne der Verbraucher.