Als kleines Mädchen hat Aglaia Abel es geliebt, auf Bäume zu klettern. Heute mit 28 Jahren klettert sie noch immer – allerdings nicht allein aus Spaß, sondern für den guten Zweck. Abel besetzt Bäume, um sie zu schützen; und um auf politische Missstände hinzuweisen. Zurzeit nennt die junge Frau eine gut 150 Jahre alte Pappel im Stuttgarter Schlosspark ihr zweites Zuhause.

Wegen des umstrittenen Bahnprojekts Stuttgart 21 soll dieser abgeholzt werden, um Platz für den oberirdischen Teil des Bahnhofs zu schaffen. "Das müssen wir verhindern", sagt Abel, Mitglied der Organisation Robin Wood . Da die Bauarbeiten in dem Park, wo Abels Pappel steht, noch nicht direkt bevorstehen, muss sie im Moment nicht täglich auf den Baum. Der Kampf geht weiter.

Sie ist nicht generell gegen die Deutsche Bahn. "Wir setzen hier ein Zeichen gegen die derzeitige Bahnpolitik, weil das Unternehmen immer mehr Nebenstrecken und kleine Bahnhöfe stilllegt", sagt sie. Prestigeprojekte wie der geplante Bahnhof in Stuttgart seien unsinnig.

Und so verbringt die Studentin, solange es ihr Masterstudium in Naturschutz und Landschaftsplanung zulässt, Tage und mitunter auch Nächte auf dem herrschaftlich anmutenden Baum im Schlosspark. Klar habe sie mal die "ein’ oder andere Veranstaltung geschwänzt", bei Klausuren oder Referaten höre es aber auf. "Das Studium macht mir Spaß. Ich lerne dort viel, was ich weitergeben kann", sagt Abel. Darunter die Bestimmung von Tier- und Pflanzenarten, aber auch umfassendere Dinge: wie Ökosysteme funktionieren zum Beispiel oder welche Gesetze die Natur in Deutschland schützen.

Die junge Frau strahlt Ruhe und Selbstsicherheit aus, als sie sich an den Aufstieg macht. Routiniert steigt sie in Schlaufen, entlastet und belastet Seile, öffnet Knoten und bewegt sich so Zug um Zug nach oben. Bereits nach wenigen Minuten hat sie ihre Plattform in zwölf Metern Höhe erreicht. Dabei sieht Abel auf den ersten Blick nicht sonderlich kräftig aus: Ihre langen braunen Haare sind lose zurückgebunden, leichte Sommersprossen zieren die Nase, große braune Augen dominieren ihr Gesicht.

Diese blicken zufrieden auf das mit einer grünen Plastikplane geschützte Plateau in luftiger Höhe. Wenn die Besetzung es erfordert, findet sich hier alles, was das Abelsche Demonstrantenherz begehrt: Essen und Trinken, warme Kleidung und eine Isomatte als Grundlage für die Schlafstätte. "Diese Grundbedürfnisse müssen gewährleistet sein, sonst werde ich quengelig." Vergangenen Herbst ließ sie sich von ihren Mitstreitern abends einen Topf mit heißer Suppe hochreichen, um der Kälte zu trotzen. "Als dann unten die Wasserwerfer im Einsatz waren, fühlte ich mich oben sicher."