Sind Sie auch ein Waldmensch? Testen Sie ihr Wissen über die Ökologie des Waldes. © Gianna-Carina Grün

"Jetzt machen wir mal Regen", sagt Jürgen Müller während ihm die Sonne ins Gesicht scheint. Der 58-Jährige lehnt in Jeans, robusten Lederschuhen und olivgrünem Fleecepullover an einem gewölbten Plastikdach. Normalerweise decken Poolbesitzer damit Schwimmbecken ab. Doch hier, inmitten einer grünen Wiese bei Eberswalde in Nordbrandenburg, befindet sich kein Bad, sondern ein großes Beet mit jungen Buchen. Ein paar Handbewegungen vor einem Sensor reichen aus, um das Plastikdach über die Bäumchen hinweggleiten zu lassen – so als setze Regen ein. Auf das Nass vom Himmel müssen die Buchen hier verzichten, denn ihr Schicksal entscheidet vielleicht mit über die Zukunft des Waldes.

Ohne Jürgen Müller und sein Team wäre die wohl ungewiss. Auf mehreren Versuchsflächen des von Thünen-Instituts für Waldökologie und Waldinventuren untersucht der Forsthydrologe mit sechs Kollegen, wie Bäume mit Wasser haushalten. "Unabhängig davon, wie genau sich das Klima in Zukunft wandelt: Die letzten 100 Jahre gab es einen Trend zur Trockenheit", stellt Müller nüchtern fest. Deshalb gehen er und seine Mitarbeiter vielen Fragen nach: Wie geht der Wald mit der Trockenheit um? Wie viel Wasser braucht ein Baum zum Wachsen? Was passiert, wenn er diese Wassermenge nicht bekommt?

Das klingt sehr nach Ökologie, doch steht die nicht immer im Vordergrund: "Die wichtigste Waldfunktion ist die Holzproduktion. Damit muss ein Waldbesitzer auch in Zukunft sein Geld verdienen können", sagt Müller. Dafür müsse man den Zusammenhang von Wald und Wasser verstehen, um herauszufinden, welche Bäume in 100 Jahren noch existieren.

Vorbildfunktion haben da möglicherweise Buchen , wie jene, die unter dem Schwimmbaddach wachsen. "Mutter des deutschen Waldes", nennt Müller sie. Dabei gedeiht die Baumsorte nicht nur in Deutschland, sondern ist bis ins östliche Polen verbreitet. Die dortigen Buchen haben eine Besonderheit: Während deutsche Buchen 900 Millimeter Niederschlag pro Jahr haben, müssen die polnischen Buchen mit maximal 600 Millimetern Wasser pro Jahr haushalten.

Wie die polnische Buche das macht? Müller zuckt mit den Schultern und schaut nachdenklich auf die kleinen Bäumchen hinab: "Vielleicht reguliert sie besser und ihre Spaltöffnungen schließen früher. Oder sie hat mehr Feinwurzeln und kann Regenwasser effektiver im Boden aufnehmen".

Mit "Blumentopf und Küchenwaage" will der Forsthydrologe den Bäumen dieses Geheimnis entlocken. Die kleinen Buchen vor ihm stammen aus Polen und Deutschland. Sie stecken in je vier "Blumentöpfen" – oder wie der Hydrologe sagt – Lysimeter. Noch reichen die Pflänzchen gerade bis zu Müllers Schienbein und sehen alle noch gleich aus. Zwischen den Pflanzen ziehen sich gelöcherte Gummischläuche über den Boden, die sie mit Wasser versorgen können. Während ihrer Vegetationsperiode – von April bis September – erhalten die Buchen so entweder normal viel Wasser (360 Millimeter Niederschlag) oder nur 180 Millimeter, um Trockenheit zu simulieren.


Doch aus den Lysimetern sprießen nicht nur kleine Buchen. Zwischen ihnen stehen auch noch braune Zylinder mit Metallstreifen – Feuchtesensoren, die messen, wie nass die Erde ist. Außerdem teilen sich die Buchen den Platz mit verschiedenen Glasröhren, die bis zum Boden des "Blumentopfes" reichen. Mit einer eingeführten Kamera werden Bilder des Wurzelwerks aufgenommen.

Besonders wichtig ist aber ein Teil der Apparatur, der an der Oberfläche nicht zu sehen ist: die Waage, auf dem das Lysimeter steht. Zieht man von der Niederschlagsmenge die im Boden gespeicherte Feuchtigkeit ab und zusätzlich noch die Menge Wasser, die ungenutzt hindurch fließt, erhält man die Menge Nass, die der Baum selbst verbraucht hat – der Schlüssel um Müllers Fragen zu beantworten. Das Projekt braucht Geduld – drei Jahre Vorlaufzeit waren nötig, im Frühling starten die "scharfen Versuche". Die Waldökologen beobachten dann das Wachstum im direkten Vergleich.