Die Gier nach Palmöl bedroht auch Afrikas Wälder

ZEIT ONLINE: Herakles Farms – ein Unternehmen der in New York ansässigen Herakles-Capital-Gruppe – will in der Südwestprovinz Kameruns am Rande des Korup-Nationalparks eine Palmölplantage errichten. Was ist das für ein Gebiet, in dem bald Ölpalmen wachsen sollen?

Lars Gorschlüter: Die etwa 70.000 Hektar große Plantage soll in den Regenwäldern am Golf von Guinea entstehen. Die 29 Dörfer im westlichen Teil der geplanten Plantage sind umringt von Primär- und Sekundärwäldern, in denen zahlreiche seltene Tiere wie Waldelefanten, Drills, Schimpansen oder auch die seltenen Preuss-Stummelaffen vorkommen.

ZEIT ONLINE: Zusammen mit anderen Umweltschutzorganisationen, wie Pro Wildlife und dem WWF, kämpfen Sie als Gründer des Save Wildlife Conservation Fund gegen diese Palmölplantage. Warum?

Gorschlüter: Die geplante Plantage liegt zwischen dem Korup-Nationalpark und dem Rumpi-Hills-Reservat. Diese Regenwald-Schutzgebiete sind wichtige CO2-Senken. Außerdem liegt hier ein Hotspot der Biodiversität. Das heißt: Einer der ältesten und artenreichsten Regenwälder Afrikas ist bedroht. Waldelefanten wandern durch Korridore aus Wäldern vom einen ins andere Schutzgebiet. Die Felder mit Ölpalmen würden die Schutzgebiete voneinander isolieren.

ZEIT ONLINE: Bruce Wrobel, der Chef von Herakles Farms, hat mehrfach betont, dass auf der Plantage Palmöl nachhaltig gewonnen werden soll, nach den Richtlinien des Roundtable of Sustainable Palm Oil (RSPO). Er ist gleichzeitig Vorstand und Gründer der Organisation All for Africa, die sich auf die Fahne geschrieben hat, zur Entwicklungshilfe in Afrika beizutragen. Warum protestieren Sie trotzdem gegen das Projekt?

Gorschlüter: Man muss genau hinschauen, wie sozial das Engagement ist und worin die Entwicklungshilfe besteht. Aus Forschungsarbeiten deutscher und kamerunischer Wissenschaftler wissen wir, dass die Menschen auf dem geplanten Gebiet der Plantage von kleinbäuerlicher Landwirtschaft gut leben können. Ihr Jahreseinkommen ist etwa doppelt so hoch wie der Landesdurchschnitt. Würden sie ihres Landes beraubt, verlören sie neben ihren bisherigen Einkünften auch ihre Lebensgrundlagen. Um zum Beispiel an sauberes Wasser oder Feuerholz zu kommen, müssten sie dann tief in die Schutzgebiete eindringen. Außerdem verstößt SGSOC, die ausführende Firma von Herakles, gegen die Kriterien des RSPO, da sie schon damit begonnen hat, artenreichen Primärwald abzuholzen.

ZEIT ONLINE: Das Unternehmen hat aber doch ein Gutachten zur Umweltverträglichkeit erstellen lassen. Darin wird auch erwähnt, dass die Plantage 7.000 bis 8.000 Arbeitsplätze schaffen wird. Dieses Gutachten ist nicht ausreichend?

Gorschlüter: Es wird nicht klar, was für Arbeitsplätze das sein sollen. Wir befürchten, dass sich in Afrika wiederholen könnte, was in Asien bereits passiert ist: Im schlimmsten Fall bleiben der Landbevölkerung am Ende nur gerodete Flächen und mit etwas Glück ein Arbeitsplatz auf der Palmölplantage – zu ausbeuterischen Niedriglöhnen. Und zwar nachdem große Konzerne die Tropenhölzer abtransportiert und sich die Profite eingestrichen haben. Was die Umweltverträglichkeit angeht, hat das angefertigte Gutachten nach Ansicht renommierter Forscher, wie Tom Struhsaker von der Duke-Universität , große Mängel: So wurden nur neun Tage für die Tiererfassungen aufgewendet und das auch noch in der Regenzeit, in der ohnehin kaum Tiere unterwegs sind.

Ob Palmöl nachhaltig sein kann, ist fraglich

ZEIT ONLINE: Wollen die Menschen am Korup-Nationalpark die Plantage denn?

Gorschlüter: Unserer Organisation liegen Protestbriefe aus mehr als fünf Dörfern vor. Die Einwohner des Dorfes Fabe erfuhren erst von den Bauplänen, als die ersten Bulldozer anrückten.

ZEIT ONLINE: Am 4. Oktober fand in der Stadt Mundemba eine Gerichtsverhandlung statt. Was kam dabei heraus?

Gorschlüter: Eine NGO namens SEFE hat, unterstützt von Save und im Namen der Bevölkerung, die Tochterfirma von Herakles – SGSOC – angeklagt. SGSOC blieb der Verhandlung fern. Das Gericht urteilte, dass die Firma die Arbeiten einstellen muss, bis die Sache verhandelt ist. Das hat SGSOC für mehr als 30 Tage ignoriert, der Firma wurde deswegen eine Geldstrafe auferlegt und es erging ein Haftbefehl gegen zwei Plantagenaufseher. Es gab eine Verhaftung. Die Verhandlung geht weiter. Ein großes Waldstück in der Nähe des Dorfes Fabe wurde für die Aufzuchtstation der Plantage bereits gefällt. Diese illegale Abholzung wurde vor der Veröffentlichung des Umweltverträglichkeitsgutachtens begonnen. Das widerspricht auch den Gesetzen Kameruns. Aber: Der Großteil des Waldes steht noch und die Bevölkerung ist entschlossen, für den Erhalt zu kämpfen.

ZEIT ONLINE: Wenn die geplante Palmölplantage in Wahrheit keine Vorteile für die lokale Bevölkerung bringt und die Umwelt am Rande des Korup-Nationalparks gefährdet – warum hat die Regierung Kameruns Ihrer Ansicht nach den Plänen zugestimmt? Profitiert sie finanziell von der Plantage?

Gorschlüter: Wir vermuten, dass hier ein hohes Maß an Korruption im Spiel war – das Hauptproblem in Kamerun. Ein Vertrag zwischen dem Konzern und der Regierung sichert Herakles steuerliche Vergünstigungen und Geschenke zu. So soll die Plantage etwa zehn Jahre lang von allen Steuern befreit sein, alle zukünftigen Importe und Exporte sind steuerfrei, Grundbesitzsteuern sind erlassen, und die Firma SGSOC darf den gesamten Baumbestand steuerfrei verkaufen. Allein der internationale Holzwert liegt derzeit bei etwa 1,5 bis 2,2 Milliarden US-Dollar. Sollte die Palmölplantage nicht realisiert werden, müsste Kameruns Regierung eine Strafzahlung an SGSOC in Höhe der gesamten Profite der Palmölplantage über die gesamte Laufzeit von rund 20 Jahren entrichten. Hierbei reden wir von circa einer Milliarde US-Dollar. Warum unterschreibt die Regierung so einen Vertrag?

ZEIT ONLINE: Wenn deutsche Verbraucher Lebensmittel oder Kosmetikprodukte kaufen – woran können Sie erkennen, ob das darin enthaltene Palmöl von einer zertifizierten Plantage stammt?

Gorschlüter : Palmöl befindet sich in etwa jedem zweiten Lebensmittel aus dem Supermarkt: Schokoriegel, Speiseeis und Pizza, Lippenstift, Waschmittel und Seife. Palmöl als Inhaltsstoff muss nicht extra ausgewiesen werden, es verbirgt sich hinter der Bezeichnung "pflanzliches Fett". Innerhalb der letzten zehn Jahre hat sich der Palmölverbrauch weltweit verdoppelt, auf 30 Millionen Tonnen pro Jahr. Auch zu Biotreibstoff wird es verarbeitet. Nur etwa jede vierte Tonne des nach Europa importieren Palmöls stammt aus angeblich nachhaltigem Palmöl.

ZEIT ONLINE: Wie umweltfreundlich ist RSPO-Palmöl?

Gorschlüter: Generell können Monokulturen – und das sind Palmölplantagen nun mal – niemals wirklich nachhaltig sein. Durch die eingesetzten Pestizide und Herbizide wird der Boden verseucht. Und zu oft kommt ans Licht, dass auch unter dem RSPO-Siegel illegal gerodet wird. Kontrollen sind nur schwer möglich. Und wenn die RSPO-Kriterien missachtet werden, gibt es kaum Sanktionen.