Im Basdorfer Hutewald lässt man buchstäblich die Sau raus. In der Abenddämmerung sieht das Waldstück im Norden Hessens aus wie jedes andere: Zwischen vielen Buchen stehen ein paar Eichen, buntes Herbstlaub leuchtet vom Boden. Doch ein dumpfes Grunzen aus dem Unterholz begleitet das Rauschen des Windes. Blätter rascheln und plötzlich stolpern vier fleckige Schweine durch den Waldboden und schmatzen.

Eberhard Leicht lehnt am Holzgatter und blickt auf die Tiere hinab, die genüsslich mit ihren feuchten Rüsseln im Matsch nach Würmern und Maden wühlen. "Es gibt viel mehr als das rosa Schwein", sagt der Forstdirektor von Vöhl-Edersee. Die Schweine grunzen wie zur Bestätigung, sie haben Leicht erkannt und kommen näher. Zwar sind sie wie ihre rosa Artgenossen Hausschweine, aber die Exemplare im Hutewald gehören zu sehr alten Rassen.

Die wurden früher regelmäßig in den Wald getrieben, um sich dort ihr Futter selbst zu suchen – Eicheln etwa waren über Jahrhunderte lang sehr beliebt für die Schweinemast. Um auf holprigen Wegen zurechtzukommen, sind "Outdoor-Schweine" besonders ausgerüstet: Sie haben längere Beine, sind konditionierter. Sie haben ein stärkeres Immunsystem und dichteres, dunkleres Fell – die rosa Variante wäre viel zu anfällig für Sonnenbrand.

So ausgerüstet verbrachten Schweine zwischen Rindern, Schafen und Ziegen Jahrtausende auf Waldweiden . Das war nicht nur eine geschmackliche Abwechslung für die Tiere, sondern durchaus auch positiv für den Wald: Das rüsselige Durchwühlen lockert den Boden auf und erleichtert jungen Baumsamen das Auskeimen und Wachsen. Doch je mehr Schweine im Wald leben, desto stärker überwiegen die Nachteile: Eicheln landen im Schweinebauch und nicht in der Erde, wo aus ihnen ein Baum werden könnte, die Tiere nehmen Nährstoffe und Jungtriebe aus dem Wald und fügen durch Urin und Kot vermehrt Nitrat hinzu. "Deswegen entwickelte sich seit dem 19. Jahrhundert eine strikte Trennung zwischen Landwirtschaft und Forstwirtschaft, wie wir sie heute haben", sagt Leicht.

Schweinemast als Liebhaber-Projekt

Diese Trennung hebt der Verein Basdorfer Hutewald auf: Mit ihrem Projekt, Hausschweine im Wald leben zu lassen, vermischen sich diese beiden Formen wieder. "Als wir 2003 mit der Planung des Projekts begonnen haben, wusste man gar nicht: wie viele Hausschweine verträgt ein Wald überhaupt?", erinnert er sich. Heute leben auf den sieben Hektar Wald 25 Tiere, weit weniger als es selbst der Ökostandard der EU erfordern würde. Laut der Verordnung könnten bis zu 98 Tiere auf derselben Fläche prima leben.

Für die Landwirte rentiert sich die Freilandhaltung nicht, vor allem in der kalten Jahreszeit. Denn die Schweine haben einen höheren Grundumsatz, um ihre Körpertemperatur zu halten. "Da füttere ich nur die Heizung, aber kriege keinen Speck", sagt Leicht. "Das sind echte Liebhaber, die mit solchen Tieren arbeiten."

Das Lieb-Haben brauchen Schweine auch, weiß Leicht. "Streicheln wäre jetzt übertrieben, aber die wollen gekratzt werden. Sie legen sich auf die Seite und warten, dass man mit einem Stöckchen durchs Fell kratzt. Und das genießen sie sehr." In den sechs Jahren, in denen das Projekt läuft, habe er Schweine als neugierige und intelligente Tiere schätzen gelernt, sagt Leicht, während er einem Schwein seinen Arm hinstreckt, das ihn nach Futter abschnuppert. Das sprichwörtliche "dumme Schwein" gäbe es gar nicht. "Wenn man weiß, wie schlau die Tiere sind, mag man sich gar nicht vorstellen, wie sie sich eingepfercht in einem Stall fühlen müssen."