In Japan gehören Libellen ( Odonata ) zur Kultur des Landes. Die Japaner widmen den Tieren Haiku-Gedichte, Spiele und Geschichten. Hierzulande sind die Fluginsekten noch immer eher Kinderschreck denn Kinderreigen. Dabei sind alle 80 in Deutschland vorkommenden Arten völlig harmlos für den Menschen.

Zugegeben, die Bezeichnung Drachenfliege (vom englischen dragonfly) klingt weder nach einem Kuscheltier, noch nach einem unterhaltsamen Zeitgenossen, dem man gerne seine Aufmerksamkeit schenkt. Aber Libellen sind anmutige Geschöpfe: bunt, schillernd, ein Genuss fürs Auge – und das bereits seit gut 250 Millionen Jahren , wie der älteste Urlibellenfund aus dem Perm beweist.

Zwar sind die Insekten mit den Jahrmillionen geschrumpft. Die Rekordhalterin der Urlibellen, Meganeuropsis, hatte eine sagenhafte Flügelspannweite von bis zu 75 Zentimetern – heutige Exemplare messen noch bis zu 20 Zentimeter. Ihre Flugmanöver bei bis zu 50 Kilometern pro Stunde sind jedoch noch immer so famos, dass Piloten vor Neid erblassen.

Die Besonderheit liegt im Flügelantrieb: Libellen haben eine direkte Flugmuskulatur, mit der sie jeden Flügel einzeln ansteuern können. So geht es nicht nur im Eiltempo rauf, runter und vor, sondern auch rückwärts. Das kann kein anderes Insekt.

Solch ausgeklügelte Manöver sind oftmals zu beobachten, wenn die Libellen auf Nahrungssuche gehen. Mit kürzesten Vor- und Rückwärtsbewegungen suchen sie dann Pflanzen gezielt nach Käferchen ab und klauben Spinnen aus ihren Netzen. Oft greifen Libellen ihre Beute aber auch direkt aus der Luft. Ist der Hunger groß, müssen bisweilen auch Artgenossen dran glauben.

Der Erfolg der Libelle spricht für sich: 97 Prozent der Beuteflüge enden mit einem vollen Darm. Wohl auch, weil die Facettenaugen einen Blick in Zeitlupe ermöglichen. So lassen sich Schmankerl auf zehn Meter Entfernung erkennen – darunter solche, die den Hunger stillen, wie auch jene, die gegen Einsamkeit helfen. Die Damenwelt haben die Männchen somit gut im Blick. Das ist hilfreich, denn nur gut einen Monat haben Libellenmännchen Zeit, eine Partnerin zu finden. Danach ist ihr Leben verwirkt.

Weil so große Eile geboten ist, müssen die Männchen des Öfteren ihr Revier verteidigen. Dann heißt es ganz klar: Wer bremst, verliert! Mit Vollgas fliegen die Rivalen aufeinander zu. Wer nicht zur Kollision bereit ist, unterliegt als Feigling. Nur selten stoßen Prachtlibellen bei solchen Manövern tatsächlich mit den Köpfen zusammen – ihrer außerordentlichen Sehkraft sei Dank. Ganz im Gegensatz zu einigen Großlibellenarten, die Rammkämpfe austragen wie man sie sonst von Widdern kennt.

Das alles klingt ein wenig nach fliegenden Kampfmaschinen – zu Recht. Gleichzeitig sind die Teufelsnadeln, wie Libellen volkstümlich auch genannt werden, jedoch wahre Feingeister, die dem Naturschutz dienen. Denn Prachtlibellen ( Calopterygidae ) erlauben Rückschlüsse auf die Qualität der Feuchtgebiete, in denen sie leben. Die Calopterygidae hausen nur in kleinen, sauberen Fließgewässern. Kommt eine Art dort über mehrere Jahre vor, lässt sich daraus schließen, dass das Gewässer in einem guten Zustand ist. Ihre Abwesenheit hingegen lässt Biologen genauer hinschauen.

Leider sind Libellen durch Verschmutzung, Überdüngung und Ausbau der Gewässer landesweit gefährdet. So sind sie nicht nur Wächter der natürlichen Ordnung, sondern stehen selbst unter Naturschutz.

Sind die Flugkünstler verstorben, können nicht einmal Sammler deren einstigen Glanz festhalten, selbst wenn sie die Libellen in einen Kasten auf Samt betten oder pinnen: Die Farbpigmente der Tiere verändern sich nach dem Tod, ihre Leuchtkraft schwindet. Was bleibt, ist ein trostloses Grau der zu Lebzeiten so wunderbar schillernden Geschöpfe der Urzeit.