Es ist eine ungewöhnliche Plattform, die sich Yukio Hatoyama für seine deutlichen Worte ausgesucht hat. Der Mann, der in Japan bis Juni 2010 kaum neun Monate Premierminister gewesen ist, hat zusammen mit einem Parlamentskollegen im Wissenschaftsmagazin Nature einen Kommentar veröffentlicht. Er und Tomoyuki Taira wollen, dass Japans Regierung dem Betreiberkonzern Tepco die Aufsicht über seine marode Atomruine Fukushima-Daiichi entzieht.

Hatoyma leitet seit dem 24. März 2011 eine unabhängige Kommission, die den GAU in der Atomanlage untersuchen soll. Sein Kollege Taira ist ebenfalls Mitglied der Gruppe, die sich offiziell als B-Team bezeichnet.

"Jegliche Belege und Gegenbeweise über das, was ( im AKW Fukushima-Daiichi ) passiert sein mag, müssen gesammelt und veröffentlicht werden", schreiben die Politiker in ihrem Beitrag. Und sie fordern einen unabhängigen "wissenschaftlichen Beraterstab" aus Forschern unterschiedlichster Disziplinen, um die Lage zu analysieren.

Mit der Wahl, im Magazin Nature zu veröffentlichen, richten Hatoyama und Taira ihre Forderung nach Transparenz und einer besseren Notfallplanung direkt in die weltweite Wissenschaftlergemeinde. "Wir wissen noch immer nicht, ob es zum Worst-Case-Szenario gekommen ist", schreiben sie. Damit meinen die Politiker vor allem drei Punkte, über die sich auch internationale Atomexperten und Nuklearforscher seit März Gedanken machen.

Was ist mit Kernspaltung, Wasserstoffexplosionen und Schmelzen?

Erstens zählt dazu die Frage, ob es in der Anlage zur Rekritikalität gekommen ist. So nennen Kerntechniker es, wenn in abgeschalteten Reaktoren der radioaktive Zerfall wieder einsetzt. Zuletzt hatten Messgeräte Anfang November frische Spaltprodukte in Reaktor 2 angezeigt , die entstehen, wenn Uran oder Plutonium zerfallen. Darunter war auch das Edelgas Xenon 135 mit einer Halbwertzeit von nur neun Stunden. Das heißt: In dem Reaktor muss es kurz zuvor zur Kernspaltung gekommen sein. Ob die Gefahr einer Kettenreaktion bestand, konnte Tepco bislang aber nicht eindeutig erklären.

Japans Katastrophe - Zeitenwende nach Tsunami und Fukushima Japans Jahrtausendbeben vernichtete hunderttausende Existenzen und führte zum GAU. ZEIT ONLINE-Redakteur S. Stockrahm erzählt im Video von seiner Reise in die Region.

Zweitens wollen die Politiker wissen, ob es wirklich Wasserstoff-Explosionen waren, die die Außenhüllen der Reaktoren 1, 3 und 4 Tage nach Beben und Tsunami sprengten. Zwar gehen davon bislang auch internationale Kerntechniker aus , doch Hatoyama und Taira merken Ungereimtheiten an. Messsonden des Wissenschaftsministeriums (Mext) hätten nicht nur Spuren des radioaktiven Schwermetalls Curium 242 bis zu drei Kilometer von der Anlage entfernt entdeckt, sondern auch von Plutonium 238, und zwar weit vor den Toren des Reaktorgeländes. Das Ministerium führt die Plutonium-Spuren zum Teil durchaus auf den Atomunfall in Fukushima zurück, auch wenn es in der Umwelt noch Überreste dieser Isotope von den Atomwaffentests der 1950er Jahre gibt. Hatoyama und Taira stellen daher die Frage, ob allein entzündeter Wasserstoff diese vergleichsweise schweren Partikel so weit von der Anlage hätte wegschleudern können.

Zudem heize sich Wasserstoff nicht so stark auf, dass es Stahl verforme. Solche Spuren weise aber das Stahlgerüst von Reaktor 3 auf, dessen Außenhülle explodierte.

Drittens sei nach wie vor unklar, inwieweit sich die Kernschmelzen in den Reaktoren 1, 2 und 3 vielleicht schon durch die Betonböden der Reaktorblöcke gefressen haben. In solch einem Fall könnte das Grundwasser radioaktiv belastet sein und die Umwelt nachhaltig schädigen.