Normalerweise bestimmen Räuber die Populationsgröße ihrer Beute auf sehr direktem Wege: Indem sie einige der Tiere auffressen. Ein Wissenschaftlerteam um die  Verhaltensökologin Liana Zanette hat nun aber herausgefunden, dass sie auch indirekt bestimmen, wie groß die Population an Beutetieren ist. In der aktuellen Ausgabe des Magazins Science berichten die Wissenschaftler, dass allein die Einbildung, dass ein Räuber in der Nähe sein könnte, dazu führt, dass Singammern weniger Nachkommen haben und dass diese eine geringere Überlebenschance haben.

Dazu zäunten die Wissenschaftler freilebende Populationen von Singammern mit Netzen und Elektrozäunen ein, sodass Räuber wie Waschbären nicht an sie heran gelangen konnten. Dann spielten sie den brütenden Vögeln unterschiedliche Klänge vor: Die eine Gruppe wurde mit harmlosen Klängen beschallt, der anderen spielte man Geräusche von sich heranschleichenden Räubern vor.

Bei der zweiten Gruppe beobachteten die Verhaltensbiologen, dass die Tiere sich entlegenere Orte zum Nisten suchten, weniger Eier legten, aus denen auch seltener Küken schlüpften, als in der Vergleichsgruppe. Außerdem unternahmen die Eltern weniger Ausflüge, um nach Futter zu suchen. Das war ein großer Nachteil für einige der geschlüpften Küken, die so zu wenig zu fressen bekamen und nicht überlebten. Allein die Geräusche von herannahenden Räubern führten dazu, dass pro Jahr 40 Prozent weniger Küken überhaupt das Jungstadium überleben und flügge werden.

Die Forscher schlussfolgern, dass die Bedeutung von Räubern für wild lebende Tiere bislang signifikant unterschätzt werde. Da sie nicht nur als "Konsumenten" eine Rolle spielen, sondern dass allein ihre Anwesenheit andere Arten stark beeinflussen kann. Ähnliche Effekte wurden bereits für Elche und Wölfe , Schneeschuhhasen sowie indopazifische Seekühe und Haie beobachtet.