ZEIT ONLINE: Wie unterscheiden sich die Umweltrisiken des Gasaustritts in der Nordsee im Vergleich zu einer Ölpest?

Gunnar Gerdts:  Die Gefährdung ist eine ganz andere als die bei einem Ölunglück. Verölte Vögel zum Beispiel sind nicht zu erwarten. Die Stoffe sind flüchtig, verbleiben nicht lange im Wasser, sondern treten in die Atmosphäre. Unter anderem wird Methan abgegeben, ein sehr klimaschädliches Gas.

ZEIT ONLINE: Welche Chemikalien im Gas gefährden Meerestiere?

Gerdts: Schwefelwasserstoff ist besonders gefährlich. Er ist ähnlich giftig wie Blausäure, einige Milligramm pro Liter können Fische in ein oder zwei Tagen töten. Schwefelwasserstoff löst sich zwar nicht gut in Wasser und geht bald in die Luft über. Aber oberhalb des Lecks können sich lokale Todeszonen bilden. Es bleibt zu hoffen, dass Flunder und Dorsch die Region meiden, einen Geruchssinn haben Fische ja auch. Und der Geruch von Schwefelwasserstoff ist auffällig. 

ZEIT ONLINE:  Kann der Schwefelwasserstoff auch abgebaut werden?

Gerdts: Es gibt wenige Bakterien in den oberen Wasserschichten, die Schwefelwasserstoff verwerten können. Die könnten sich vermehren und das Gift abbauen, Bakterien passen sich unheimlich schnell an.

ZEIT ONLINE: Das Leck an der Förderplattform vor Schottland ist nur eines in einer ganzen Reihe von bedrohlichen Ereignissen auf Bohrinseln.

Gerdts: Das beunruhigt mich schon. In unserem Energiehunger und unserer Technikgläubigkeit werden wir immer tiefer bohren und immer problematischere Methoden anwenden. Dabei beherrschen wir nicht einmal die Technik in der Nordsee.