Auf der anderen Seite lockt das gewaltige Vorhaben Scharen von Zuwanderern an, die sich Arbeitsplätze am Damm oder in der Zulieferer- und Dienstleistungsbranche vor Ort erhoffen. Das bringt weitere Belastungen für die Umwelt mit sich und dürfte die Zerstörung des Regenwalds in der Region weiter beschleunigen – über die 400 Quadratkilometer für den Stausee selbst hinaus.

Nicht wenige Ökonomen befürchten, dass dieser Jobboom nur von kurzer Dauer sein wird: Nach Abschluss der Bautätigkeit werden viele der Arbeitsmigranten wieder entlassen und müssen entweder weiterziehen oder sich vor Ort Alternativen suchen, etwa indem sie als Kleinbauern selbst Regenwald roden. Die indianischen Lebensgemeinschaften drohen also auch von dieser Seite zunehmend unter Druck zu geraten, wie dies in anderen Teilen Amazoniens bereits zu beobachten war: zum Beispiel im Umfeld der Erzminen von Carajas, wo das Volk der Awá mittlerweile ums Überleben ringt .

Immer wieder kommt es daher vor Gericht wie direkt vor Ort zu Auseinandersetzungen: Erst vor wenigen Wochen besetzten örtliche Indigene die Baustelle und wollten so einen Stopp der Bauarbeiten erreichen – was ihnen teilweise gelang. "Das ist unser Hilferuf. Wir wollen, dass unser Fluss lebendig bleibt. Dieser Damm wird nicht gebaut", äußerte sich Antonia Melo von der Gruppe Xingu Vivo Para Sempre.

Auftakt zu einer Beton-Orgie?

Letztendlich wird Belo Monte sicherlich fertiggestellt werden, das wissen auch die Umweltschützer und Menschenrechtsaktivisten. Ihre eigentliche Befürchtung ist eine andere: Letztendlich soll die Anlage das drittgrößte Wasserkraftwerk der Welt werden (nach dem Drei-Schluchten-Staudamm in China und Itaipu) und 11.000 Megawatt produzieren. Der Xingu ist allerdings starken saisonalen Wasserpegelschwankungen unterworfen, da sein Einzugsgebiet nicht nur immerfeuchte Tropengebiete umfasst. "Der Betreiber Norte Energia muss garantieren, dass während der Trockenzeit weiterhin genügend Wasser im Fluss bleibt, damit er nicht austrocknet. Das bedeutet, dass Belo Monte einige Monate lang nicht mit voller Kapazität laufen kann. Im Durchschnitt wird es also eher rund 4.300 Megawatt produzieren und bei Weitem nicht die potenziell möglichen 11.000 Megawatt", gesteht Nelson Siffert von der brasilianischen Nationalbank für wirtschaftliche und soziale Entwicklung (BNDS), die das Projekt mitfinanziert.

Walter Coronado Antunes, der frühere Umweltminister des Bundesstaats São Paulo bezeichnete deshalb Belo Monte bereits als "die schlechteste Ingenieursarbeit in der Geschichte des brasilianischen Wasserbaus, wenn nicht gar der Welt" und als "eine Schande für uns Ingenieure" – harte Worte, denen sich andere Techniker bereits angeschlossen haben. Um die Wasserschwankungen auszugleichen, liegen bereits Pläne für weitere Staudämme in den Schubladen, die entlang des Oberlaufs des Xingus entstehen und so einen konstanten Abfluss über das ganze Jahr hinweg garantieren sollen.

Damit würde aber nicht nur einer der letzten großen unverbauten Flüsse in ein Betonkorsett gezwängt: Auch der Anspruch, dass Wasserkraft eine saubere Energiequelle ist, würde dadurch endgültig ad absurdum geführt. In Regionen wie dem Amazonasgebiet produziert sie riesige Mengen Methan, das aus der überfluteten, verwesenden Vegetation entweicht – und zwar nicht nur direkt aus dem Stausee selbst, sondern auch noch viele Kilometer flussabwärts, wie eine Studie von John Melack von der University of California in Santa Barbara gezeigt hat.

Schuld daran sind vor allem drei Effekte: Zum einen strömt das Tiefenwasser eines Stausees über die Turbinen, das direkt mit der verrottenden Pflanzenwelt in Berührung kommt und dabei mit dem potenten Treibhausgas angereichert wird – es wirkt 23 Mal stärker als Kohlendioxid. Schießt das Wasser nach seiner Passage über die Turbinen auf der anderen Seite heraus, sprühen unzählige Tröpfchen in die Luft, wo sie ihre Gasfracht an die Atmosphäre abgeben.

Außerdem steht das Wasser nun nicht mehr unter Druck wie zuvor im Seekörper, weshalb die Löslichkeit des Gases sinkt und es ausperlt. Und schließlich schrumpft das Reservoir während der Trockenzeit, und die freigelegten Uferbereiche werden rasch von Pflanzen besiedelt. Steigt das Volumen anschließend wieder an, werden sie ertränkt und liefern erneut Methannachschub. "Das verwandelt tropische Stauseen in Methanfabriken", sagt Fearnside – erst nach 41 Jahren Produktion hätte die Stromproduktion von Belo Monte einen positiven Einfluss auf die Treibhausgasemissionen des Landes. Der riesige Stausee des Tucuruí-Kraftwerks setzte im Referenzjahr 1990 sogar mehr Treibhausgase frei als die Multimillionenmetropole São Paulo, kalkulierte Fearnside im Jahr 2002.