Sollten die bisherigen Prognosen zum Verlust der Eisflächen auf Grönland neu berechnet werden? Ja, sagt Kurt Kjær von der Universität von Kopenhagen. Zusammen mit einem internationalen Forscherteam hat der dänische Geologe Satellitendaten und Luftaufnahmen der Insel aus den vergangenen drei Jahrzehnten neu ausgewertet. "Es ist zu früh, den zukünftigen Untergang des Eisschilds auszurufen", sagt Kjær. Damit verweist er auf die vorsichtigen Annahmen im Weltklimabericht, wonach der Eisschild durch den Klimawandel unwiderruflich schwinden könnte.

"Dass die Lufttemperaturen in Grönland gestiegen sind und Schmelzen sich verstärkt haben, ist relativ gut belegt", sagt Kjær. Doch seit Langem fordere der Weltklimarat IPCC neue Analysen dazu, warum sich der Eisschild in den vergangenen Jahren zunehmend ausdünne und warum dies schneller geschehe als noch vor dem Jahr 2000. Nun würden die neuen Ergebnisse zeigen, dass der Schild womöglich sehr viel dynamischeren Prozessen unterworfen ist, als bislang vermutet. "Er stabilisiert sich zudem schneller, als es Modelle und Computersimulationen bislang prognostizieren", sagt Kjær.

Ihre Ergebnisse haben Kjær und seine Kollegen im Magazin Science veröffentlicht. "Wir haben unterschiedliche Luftbilder aus den achtziger Jahren und neuere Satellitendaten verwendet, um eine digitale Erhebungskarte zu erstellen", sagt Shfaqat Abbas Khan von der Technischen Universität von Dänemark in Kongens Lyngby. Dadurch ließe sich ein Überblick gewinnen, wie sehr der Eisschild sich verändert habe. Die Forscher konzentrierten sich vor allem auf den Eisschild im Nordwesten der arktischen Insel. Hier ließen sich Ausdünnung und Gletscherschmelzen besonders gut beobachten. "Erstmals konnten wir zeigen, dass Grönlands Eisschild bereits Ende der achtziger Jahre auf einer ebenso dramatischen Diät war wie heute."

Folgen der Eisschmelze für den Meeresspiegel

Die Analyse der Geologen zeigt, dass sich die Schmelze der Jahre 1985 bis 1992 anschließend über einen Zeitraum von vier bis acht Jahren wieder abschwächte. Danach stabilisierte sich der Eisschild bis 2003. Von 2005 bis 2008 folgten erneut stärkere Schmelzen. "Wir folgern daraus, dass sich die derzeitige Ausdünnung ebenfalls innerhalb von acht Jahren abschwächen wird", sagt Kurt Kjær. Obwohl er und sein Team gerade einmal 30 Jahre in die Vergangenheit geschaut haben, um ihre Daten zu erheben, ist Kjær überzeugt, dass Klimaforscher ihre Prognosen überdenken müssen.

Einige Wissenschaftler würden davor warnen, sagt er, dass die derzeitigen Schmelzprozesse in Grönland fatale Folgen für die Küstenregionen der Welt haben könnten. Angeheizt durch den Klimawandel entwickelt sich Grönlands Eisschild hin zu einem Kipppunkt. Damit bezeichnen Wissenschaftler einen Punkt, an dem sich eine Entwicklung nicht mehr umkehren lässt. Für Grönland bedeutet dies: Die Eisschmelze schreitet voran, ohne sich zu stabilisieren. Innerhalb weniger Jahrzehnte wird das Schmelzwasser den Meeresspiegel ansteigen lassen und Küstenregionen weltweit gefährden.

Dieser Prozess könnte sich verzögern, sagt nun Kjær, denn Grönlands Eisschild sei offenbar robuster als gedacht. Wie komplex die geologischen Prozesse auf der Insel sind, belegten auch kürzlich veröffentlichte Daten der US-Weltraumbehörde Nasa. Demnach taute die Oberfläche des Eisschilds innerhalb von nur vier Tagen im Juli so rasch an, wie noch nie seit Beginn der Aufzeichnungen. Waren am 8. Juli noch 40 Prozent der Gesamtfläche von Schmelzen an der Oberfläche betroffen, waren es am 12. Juli bereits 97 Prozent.

Ursache sei wohl angestaute Hitze über der Insel gewesen, mutmaßten Nasa-Wissenschaftler. Doch auch dieses Ereignis ist wohl nicht einmalig in der langen Geschichte Grönlands. Analysen von Eisbohrkernen legen nahe, dass es zuletzt 1889 zu derartigen Tauprozessen gekommen sei. "Es sollte uns Sorge bereiten, wenn wir in den nächsten Jahren weitere solche Schmelzen beobachten", sagte Lora Koenig, eine Glaziologin, die für das Nasa-Goddard-Institut arbeitet.