Europas wichtigstes Dach ist gerade teilweise eingestürzt: Etwa 600 Quadratmeter der Deckenkonstruktion des Atomkraftwerkes Tschernobyl sind am Dienstag zusammengebrochen. Die Schäden seien über der Maschinenhalle vier "auf Ebene 28,00 Meter in den Achsen 50-52 vom Bereich A bis B" aufgetreten, gab Chernobyl Nuclear Power Plant bekannt. So heißt das Atomkraftwerk "W. I. Lenina" heute. 

Verletzt worden sei niemand, die Strahlenbelastung sei unverändert, der Sarkophag, also jener Teil, der den geschmolzenen Reaktorkern umgibt, sei nicht betroffen. Es handele sich um keinen "kritischen Teil" der Dachkonstruktion. Kein Grund also zur Sorge.

Wirklich nicht? Der Dacheinsturz immerhin ist genau das, was alle Experten wieder und wieder befürchtet haben.

Dämonisch ragt "Ukruitije" in den Himmel, so hoch wie ein zwanzigstöckiges Haus. Ein Panzer aus Stahl-Trägern, meterdickem Beton und Platten aus Stahl. "Ukruitije" heißt übersetzt "Einschluss" und bezeichnet eine der umstrittensten Konstruktionen der internationalen Atomenergiewirtschaft – die Ummantelung des havarierten Reaktors vier. Seit Mitte der neunziger Jahre warnen Experten, dass sie marode ist. Ursprünglich sollte sie nur maximal 25 Jahre halten. Die waren 2011 vorbei. Schon 2006 hatte Kraftwerkssprecher Semen Michailowitsch Stein gewarnt: "Als Betreiber können wir die Stabilität des Sarkophag nicht mehr garantieren".

Nicht geschraubt, nicht geschweißt

"Beim Bau musste damals in Kauf genommen werden, dass die alten Stützenkonstruktionen nicht zuverlässig waren", sagt Alexander Borowoi vom russischen Kurtschatow-Institut, dem früheren Zentralhirn der sowjetischen Atomindustrie. Die Konstruktion steht wackelig auf einer Ruine. "Die Explosion und der Brand hatten das Material ja stark angegriffen. Die Festigkeit des Fundamentes konnte wegen der gewaltigen Strahlungsfelder nicht überprüft werden", so Borowoi.

Der ganze Bau war ein Provisorium. Informationen über den Untergrund der schweren Konstruktion seien 1986 ausschließlich über Fotos gewonnen worden, und diese wurden vom Hubschrauber aus gemacht.

Wegen der extremen Strahlung wurden auch viele Bauteile per Roboter montiert, was vor 27 Jahren noch eine enorme Herausforderung bedeutete. Auch deutsche Roboter kamen damals zum Einsatz – und versagten. Manche, auch wesentliche Bauteile, konnten weder verschraubt noch verschweißt werden. Sie sind einfach nur aufeinander gestapelt.

Erst 2015 soll die neue Kuppel fertig sein

Zwar bescheinigen auch westliche Fachleute den Sarkophag-Erbauern ingenieurtechnische Standards. Und der Mantel hat sogar Erdbeben standgehalten. Im Mai 1990 etwa wurden 6,8 und 6,3 auf der Richterskala gemessen, das Epizentrum lag am Rand der Karpaten. Trotzdem ist der Bau so unsicher, dass niemand für ihn bürgen will. Längst wird daher an einer besseren Kuppel für den strahlenden Schrotthaufen gearbeitet.

Die damalige deutsche Umweltministerin Angela Merkel hatte 1996 auf Bitte der Ukraine mit ihrer französischen Kollegin die sogenannte deutsch-französische Initiative gestartet. Ein Auftrag lautete, zu untersuchen, wie viel strahlendes Material eigentlich unter dem Sarkophag lagert. Deutsche Strahlenexperten kamen auf 180 Tonnen, vor allem brennstoffhaltiger Staub, Kernbrennstofflava und in Wasser gelöste Uransalze.

Ein zweiter Auftrag lautete, zu prüfen, wie diese Strahlenlast wenigstens 100 Jahre lang sicher eingeschlossen werden kann. Im gleichen Jahr wurde dazu mit dem Shelter Implementations Plan begonnen: Eine bogenförmige Halle, über 100 Meter hoch, Spannweite etwa 250 Meter, soll den alten Sarkophag luftdicht einschließen. Und sie soll es möglich machen, in circa 30 Jahren den radioaktiven Müll vollautomatisch zu bergen. Ursprünglich sollte die Stahlhülle 2007 vollendet sein, doch Planung und Ausschreibung verzögerten sich immer wieder, weil es am Geld fehlt. Jetzt ist 2015 veranschlagt.

Arbeiter abgezogen

Eine halbe Milliarde Euro hatte die internationale Gemeinschaft der Ukraine zuletzt für den Bau zur Verfügung gestellt. Kosten wird die Kuppel insgesamt aber wohl 1,45 Milliarden. Immerhin laufen die Arbeiten nun. 350 Meter Luftlinie von der jetzigen Einsturzstelle entfernt haben der französische Baukonzern Vinci und die französische Unternehmensgruppe Bouygues damit begonnen, die Stahlkonstruktion zu montieren. Später soll die Hülle auf Rädern über Ukruitije 1 geschoben werden.

Aber das wird sich nun erst einmal verzögern. Wegen des Einsturzes haben die französischen Konzerne ihre Arbeiter abgezogen. Wladimir Chuprow, Greenpeace-Experte in Russland, sagt: "Stahlplatten, die an der Turbinenhalle einstürzen: Es gibt keine Garantie, dass der Sarkophag sicher ist."